Frauen in der Medizin
Es gibt Prognosen, dass schon in wenigen Jahren der Anteil von Ärztinnen in deutschen Krankenhäusern auf zwei Drittel steigen wird. Bedeutet das auch mehr Ärztinnen in Leitungsfunktionen? puls hat weibliche Führungskräfte am Klinikum Braunschweig getroffen.
Text: Prem Lata Gupta
Fotos: Nick Neufeld
Illustrationen: Claudia Fricke
Bestmögliche Versorgung ist notwendig, gelingende Kommunikation ebenfalls: Dr. Tina Siegmund, Leiterin des Brustzentrums, erläutert einer Krebspatientin deren weitere Therapie und spricht sie zuletzt noch auf deren Walking-Hobby an. „Das hat die Frau gefreut.“ PD Dr. Annette Spreer als Chefärztin der Klinik für Neurologie klärt einen 88-jährigen Schlaganfallpatienten intensiv über die medikamentöse Behandlung auf und führt zur Sicherheit abends noch ein langes Telefonat mit dessen Sohn. Wenn Dr. (Univ. Padua) Silvia Varotto, Chefärztin der Klinik für Geriatrie, mit ihrem großen interprofessionellen Team diskutiert, „dann wechsle ich die Rolle und bin Moderatorin“. Alle drei beschriebenen Ärztinnen arbeiten am Klinikum Braunschweig und haben eine Führungsfunktion. Sie sind nicht die einzigen, es gibt weitere Kolleginnen in Leitungsfunktionen: Frauen finden sich an der Spitze der Klinik für Gastroenterologie, des Sozialpädiatrischen Zentrums, des Instituts für Arbeitsmedizin und der Abteilung für Kinderchirurgie und Kinderurologie. Sie sind sogenannte Role-Models, also Vorbilder, für nachfolgende Berufsgenerationen: Immer mehr junge Frauen studieren Humanmedizin. Die Zahl der Absolventinnen hat sich innerhalb von 20 Jahren auf mehr als 70 Prozent verdoppelt. Deshalb auch die These, Ärztinnen könnten bald schon zwei Drittel der gesamten Ärzteschaft stellen, aktuell sind es bundesweit und auch am Klinikum Braunschweig fast die Hälfte. „Trotzdem bleibt noch viel zu tun“, erklärt Prof. Dr. Henriette Neumeyer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Ihr zufolge „helfen bei der Umsetzung der Gleichstellungsziele attraktive Rahmenbedingungen. Dazu zählt die kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen, vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.
*Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2024

Chefärztin Dr. (Univ. Padua) Silvia Varotto überprüft das Leistungsvermögen der Lunge einer älteren Patientin
Als Teilzeit für Frauen in der Medizin keine Option war
Dr. (Univ. Padua) Silvia Varotto, Chefärztin der Klinik für Geriatrie/Altersmedizin seit 2022, kann sich noch genau erinnern, wie sie sich um eine Oberarztstelle bewarb, wegen ihrer kleinen Kinder aber lieber in Teilzeit gearbeitet hätte. „Da hieß es: ganz oder gar nicht“, sagt sie. Sie wollte den Job und hatte Glück, dass sie einen Platz in der Kinderkrippe bekam und ihre Familie die restliche Kinderbetreuung übernahm, Gleichwohl hält sie es für besser, dass Frauen diesen Spagat heute nicht mehr machen müssen. „Teilzeit ist möglich.“ Sie betont: „Gerade weil sie Familie haben, arbeiten Kolleginnen, die Mütter sind, sehr strukturiert und effizient.“ Das medizinische Team der Geriatrie besteht aus acht Frauen und sechs Männern, dazu kommen Fachleute beispielsweise aus Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie und Psychologie. Die Chefärztin beschreibt ihr Aufgabenspektrum als komplex: „Neben der fachlichen Kompetenz sollte man kommunikativ stark sein, sich für die Entwicklung der Kolleginnen und Kollegen einsetzen, Ziele formulieren und diese auch verfolgen.“ Die Herausforderungen hätten sich verändert: Angesichts tiefgreifender Veränderungen wie der Krankenhausreform sieht sie die Leitung einer Klinik in einer entscheidenden Funktion: „Man muss Sicherheit vermitteln und dafür sorgen, dass wir uns fachlich und ökonomisch gut aufstellen.“ Perspektivisch werde sich die Geriatrie des Klinikums Braunschweig zu einem Alterszentrum für die Region entwickeln.
Über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sagt die Chefärztin: „Frauen zeichnen sich durch eine sehr gründliche Aufklärung aus. Sie sind vielleicht ein wenig empathischer als Männer. Und sie denken zweimal nach, bevor sie sich äußern.“ Nach beruflichen Ambitionen befragt, würden sich junge Kolleginnen allerdings „oft schwammig“ ausdrücken. Sie rät Frauen dazu, klare Vorsätze zu fassen und ihre persönliche Laufbahn strategisch zu planen.
Aktionsbündnis für mehr Chefärztinnen
Eine wichtige Initiative vor diesem Hintergrund ist das bundesweite Aktionsbündnis für mehr Chefärztinnen, angestoßen wurde es von der Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser e.V. – zu der auch das Klinikum Braunschweig als Maximalversorger gehört. Bei der Auftaktveranstaltung in Berlin im vorigen Oktober waren Vertreterinnen des Klinikums dabei: Prof. Dr. Martina Becker-Schiebe als Leitende Oberärztin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie erörterte auf dem Podium gemeinsam mit anderen weiblichen Führungspersönlichkeiten fördernde und hindernde Faktoren für ein erfolgreiches Berufsleben. Ebenfalls vor Ort war Lea Zötzsche, die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte im skbs. Vorher hatte eine Umfrage innerhalb der Allianz der Großkrankenhäuser stattgefunden. Ergebnis: Obwohl zunächst mehr Frauen in den Beruf starten, öffnet sich auf dem Weg in eine Stelle zur Oberärztin/ zum Oberarzt eine Schere: Männer machen statistisch gesehen derzeit noch wesentlich häufiger Karriere in der Medizin als ihre Kolleginnen.
Frauen in Führungspositionen der Medizin – „das ist ein wichtiges Thema“, unterstreicht PD Dr. Annette Spreer, Chefärztin der Klinik für Neurologie am Klinikum Braunschweig. Sie unterstreicht die gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der Vielzahl hoch qualifizierter Frauen die Rolle der Führungskraft zu ermöglichen. Die Herausforderung einer tatsächlichen Gleichberechtigung beginne nicht erst mit der Berufstätigkeit. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es mehr Frauen als Männer unter den Absolventinnen und Absolventen des Medizinstudiums gibt, „hat sich dies noch nicht ausreichend auf die Besetzung höherer Positionen ausgewirkt“. In ihrem eigenen Verantwortungsbereich arbeiten zahlreiche Ärztinnen. „Schon mein Vorgänger hat Frauen zu Oberärztinnen gemacht, und mit großer Freude fördere auch ich die Karriere von Frauen – und auch die von Männern“, sagt sie.

PD Dr. Annette Spreer, Chefärztin der Klinik für Neurologie, sieht perspektivisch mehr Frauen als bisher in führenden Positionen an deutschen Kliniken.
Geschlechtszugehörigkeit ist unwichtig
PD Dr. Spreer mag keine Verallgemeinerungen. Die sogenannte sprechende Medizin, die auf eine ausführliche Patientenkommunikation setzt, habe sie selbst durch darin versierte Kollegen erlernt. Auch bei Bewerbungen spiele die Geschlechtszugehörigkeit bei ihr keine Rolle. „Ich frage nach Patientenorientierung, Qualifikation und Leistungsbereitschaft, das sind die wichtigen Kriterien.“ Sie erwarte allerdings nicht, dass Kolleginnen und Kollegen den Beruf über alles stellen. „Beruf und Privatleben müssen vereinbar bleiben, es muss zu Hause funktionieren und im beruflichen Team.“
PD Dr. Annette Spreer war, bevor sie 2020 ihre Stelle als Chefärztin am Klinikum Braunschweig antrat, an den Universitätskliniken Göttingen und Mainz tätig. Als Neurologin hat sie die Zusatzbezeichnungen neurologische Intensivmedizin, Labormedizin, ärztliches Qualitätsmanagement und weitere Qualifikationen. „Frauen haben die fachliche Kompetenz und darüber hinausgehende Fähigkeiten, um Karriere in der Medizin zu machen“, ist sie überzeugt. Was dabei hilft? „Mentoringprogramme können eine gute Unterstützung sein“, aber auch auf das Bewusstsein, welchen individuellen Weg man einschlagen wolle, komme es an.

Dr. Tina Siegmund, Leiterin des Brustzentrums am Klinikum Braunschweig, sagt: „Ich begleite Frauen in einer wichtigen Phase ihres Lebens.“
„Mein Qualitätsanspruch ist hoch“
Dr. Tina Siegmund, Oberärztin und Leitung der Senologie am Klinikum Braunschweig, hat sich für eine Spezialisierung entschieden, die sich in zahlreichen Zusatzbezeichnungen und Zertifizierungen ausdrückt. Gestartet als Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, konzentriert sie sich seit 20 Jahren auf Erkrankungen der Brust. Fast immer geht es dabei um Brustkrebs, sie hat sich zusätzlich qualifiziert als gynäkologische Onkologin sowie in psychosozialer onkologischer Versorgung. Dr. Tina Siegmund ist von der Krebsgesellschaft zertifizierte Senior Mammaoperateurin, denn sie nimmt jährlich mehr als 100 Brustoperationen vor. Zuletzt hat sie sich von der AWOgyn zertifizieren lassen, die der medizinischen Fachgesellschaft angehört: Hierbei steht die Kompetenz, wiederherstellende Operationen vornehmen zu können, im Mittelpunkt. Dr. Tina Siegmund: „Das wird in einem Audit begutachtet und überprüft.“ Sie sagt über sich: „Mein eigener Qualitätsanspruch ist enorm hoch. Und die Ergebnisse sprechen für sich.“ Der Zeitaufwand, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt stehe, sei beachtlich gewesen. Genau wie die anderen Ärztinnen, mit denen puls für diesen Beitrag gesprochen hat, ist sie Mutter zweier Kinder. Damit diese versorgt sind, seien ein familiäres Netz und ein Partner wichtig, welche die beruflichen Ambitionen der Frau mittragen, also Verantwortung für den Nachwuchs und den Haushalt mit übernehmen. Die Leiterin des Brustzentrums ist überzeugt, dass ihre Begeisterung für den Beruf und ihre Energie positiv auf ihre beiden Söhne im Teenageralter wirken. „Ich lebe ihnen vor, dass man ein Ziel im Leben haben muss, für das man einsteht. Mit dieser Haltung macht die Arbeit wirklich Freude.“
Förderung durch Mentoringprogramme
Andrea Koch, Gleichstellungsbeauftragte des Klinikums Braunschweig, über die berufliche Wirklichkeit von Frauen.
Wie wichtig ist das Gleichstellungsreferat für Ärztinnen?
Bedauerlicherweise wird die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern immer noch nicht gelebt und umgesetzt. Frauen wenden sich häufiger an das Gleichstellungsreferat als Männer. Wir beraten und unterstützen Frauen bei Fragen wie „Ist meine Schwangerschaft jetzt ein Karrierehindernis?“
Warum sind Frauen in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert?
Eine Benachteiligung der Frauen beginnt oft schon in der Ausbildung. Viele Frauen im gebärfähigen Alter erfahren von ihren Vorgesetzten keine berufliche Förderung, da sie jederzeit schwanger werden könnten. Sind Kinder geboren, arbeiten die Mitarbeiterinnen vermehrt in Teilzeit, weil überwiegend sie die Care-Arbeit zu Hause übernehmen. Bei der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz in Teilzeit werden häufig nicht ihre Qualifikationen wahrgenommen, sondern nur die Phasen ihrer Abwesenheit. Dazu kommt: Gremien, die Personalentscheidungen treffen, sind überwiegend männlich besetzt. Das führt dazu, dass leitende Positionen eher an Männer vergeben werden, das nennt man den Similar-to-me-Effekt.
Welche Maßnahmen zur Frauenförderung halten Sie für notwendig?
Es bedarf unterschiedlicher Instrumente, die den Kulturwandel in der Medizin bestärken müssen. Die Geschäftsführung des Klinikums Braunschweig setzt seit Jahren ein Führungskräfteentwicklungsprogramm um, in dem speziell in einem zusätzlichen Modul auf die Frauenförderung eingegangen wird. Zusätzlich sind interne und externe Netzwerke elementar: So lädt das Gleichstellungsreferat regelmäßig Ärztinnen des skbs zum gegenseitigen Austausch und zur Kontaktpflege ein. Im Oktober 2025 fand die erste Auftaktveranstaltung des neu gegründeten Aktionsbündnisses für mehr Chefärztinnen in Berlin statt. Es wurde ausgerichtet von der Geschäftsstelle der Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser (AKG) und deren Gleichstellungsbeauftragten. Das Gleichstellungsreferat des Klinikums Braunschweig ist Mitglied des Netzwerkes. Wir wissen außerdem, dass Mentoringprogramme für Frauen, die Führungspositionen anstreben, spürbar Wirkung zeigen.

Informative Links
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/lrbil05.html#242500
- https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/medizin-wird-immer-weiblicher/#:~:text=Das%20Geschlechterverhältnis%20unter%20den%20Ärztinnen,der%20Absolventinnen%20und%20Absolventen%20weiblich
- https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Ueber_uns/Statistik/AErztestatistik_2024.pdf
- https://www.bundesaerztekammer.de/baek/ueber-uns/aerztestatistik/2021/berufstaetige-aerztinnen-und-aerzte-2021
- https://www.aerztinnenbund.de
- https://www.hartmannbund.de/der-verband/gremien/ausschusse/aerztinnen-im-hartmannbund/
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