Wirksame Behandlung
Ob gegen Insektengift, Lebensmittel oder Pollen – Allergien betreffen laut Statistik rund 30 Prozent der Erwachsenen und rund 20 Prozent der Kinder in Deutschland, Tendenz steigend. Ein Team von Expertinnen und Experten am Klinikum Braunschweig setzt auf frühzeitige Diagnostik und Therapien.
Text: Susanna Bauch
Fotos: Nick Neufeld
Illustration: texturis/iStockphoto.com

Otto Frintrup (links) macht eine Desensibilisierungstherapie.
Seit dem Kindesalter leidet Otto Frintrup unter einer Erdnussallergie. Auch schon bei Spuren von Nüssen in Lebensmitteln zeigte der 17-Jährige kurze Zeit später allergische Symptome. „Übelkeit, Erbrechen und ein zugeschwollener Hals“, sagt der 17-Jährige. Sein Notfallset mit antiallergischen Medikamenten hat der Schüler zwar nie benutzen müssen, „aber es gab schon einige kritische Situationen mit Atemnot“.
Um dieses Risiko zu minimieren, hat sich der Teenager 2024 in der HNO-Klinik im Klinikum Braunschweig für eine Desensibilisierungstherapie mit einem speziellen Nusspulver entschieden – zunächst unter stationärer Aufsicht, anschließend zu Hause. „Ich bin bei der Dosierung jetzt in der Endstufe angelangt und reagiere deutlich schwächer. Und wenn irgendwo Spuren von Erdnüssen enthalten sind, ist das gar kein Problem mehr.“

Prof. Dr. Andreas Gerstner, Chefarzt der HNO-Klinik, und Oberärztin Dr. Sophie Weigel erörtern Therapieansätze.
Überschießende Immunreaktion
Allergien sind eine hochintensive Immunantwort auf Reize, die das eigentlich gar nicht rechtfertigen. So beschreibt Prof. Dr. Andreas Gerstner, Chefarzt der HNO-Klinik, die Reaktionen vieler Menschen auf Birkenpollen, Gräser oder Hausstaub. „Bei manchen schießt die Körperabwehr gewissermaßen übers Ziel hinaus.“ Laut Robert Koch-Institut (RKI) entwickeln mehr als 20 Prozent der Deutschen im Kindesalter, mehr als 30 Prozent im Erwachsenenalter mindestens eine allergische Erkrankung. Ursachen dafür sind neben Pflanzenpollen auch Umweltgifte, Autoabgase und Folgen des Klimawandels – beispielsweise ganzjähriger Pollenflug. Etwa 20 000 allergieauslösende oder verstärkende Stoffe haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausfindig gemacht, Tendenz steigend.
Saisonaler oder ganzjähriger Heuschnupfen in seinen vielen Facetten gehört genauso zum Thema Allergien wie allergisches Asthma oder Lebensmittelunverträglichkeiten. „Eine möglicherweise lebensbedrohliche Allergie kann durch Nüsse und Insektenstiche hervorgerufen werden“, betont Dr. Sophie Weigel, Oberärztin in der HNO-Klinik. Von einer Kreuzallergie indes werde gesprochen, wenn Menschen bei einer Pollenallergie auch auf Lebensmittel reagieren, deren Bestandteile dem ursprünglichen Allergen (Pollen) strukturell sehr ähnlich sind. „Bei der Birke beispielsweise reagieren Betroffene oft mit Gaumenjucken beim Verzehr von Äpfeln.“
Dr. Weigel ist selbst Mutter eines betroffenen Kindes. „Dass unser Sohn eine Walnussallergie hat, haben wir zufällig entdeckt.“ Symptome nach Verzehr seien Halskratzen, Husten mit Atemnot, Unwohlsein und schließlich Quaddeln am ganzen Körper gewesen. Typisch sei, dass bei einer Nahrungsmittelallergie mindestens zwei Organsysteme betroffen sind, dies drückt sich beispielsweise durch eine Hautreaktion und Atembeschwerden aus.
Meist können sich Menschen erst nach so einer Notsituation auf Ursachensuche begeben, etwa über eine gezielte Blutuntersuchung. „Mittlerweile gibt es für diese Menschen neben dem Spritzenset ein Nasenspray zur Notfallbehandlung – das senkt auch die Hemmschwelle für Ersthelfer“, betont Dr. Weigel. Grundsätzliche Prävention sei bei diesen Allergien indes nicht umsetzbar. „Wir können nicht alle Personen flächendeckend screenen.“
Erfolge mit Desensibilisierung
Bei nachgewiesenen Allergien wie gegen Insektengift oder bei einer Erdnussunverträglichkeit können Desensibilisierungen helfen. „Die Erfolgsrate der Desensibilisierung bei einer Erdnussallergie liegt bei annähernd 100 Prozent – es ist die am besten zu behandelnde Allergie“, sagt Prof. Dr. Gerstner. Spezielle Immunisierungstherapien können auch bei anderen Allergien dazu beitragen, Überreaktionen zu vermeiden oder zu lindern.
Ganz ohne Symptome kommen Betroffene zwar auch nach einer solchen Therapie selten durchs Jahr, aber „wichtig ist es, den sogenannten Etagenwechsel zu vermeiden“, erklärt der Experte. Verhindert werden soll die Ausweitung der Allergie von den oberen Atemwegen Richtung Lungenbeteiligung mit Gefahr für Asthma. Mittlerweile stehen neben Spritzen zur Desensibilisierung auch Tabletten oder Tropfen zur Verfügung.
Bei einer Erdnussallergie raten Fachleute dazu, Betroffene frühzeitig zu desensibilisieren, da diese Behandlung nur für Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 17 Jahren zugelassen ist. „In einem tagesstationären Setting wird Erdnusspulver in steigender Dosierung unter Kontrolle verabreicht“, erläutert Prof. Dr. Gerstner. In einem Zweiwochenrhythmus werde kontinuierlich aufdosiert – „und nach Abschluss der Therapie können Patientinnen und Patienten lebenslang unbesorgt alles essen“. Prof. Dr. Gerstner registriert eine grundsätzliche Zunahme von Allergiepatientinnen und -patienten, obwohl diese Fälle im klinischen Alltag insgesamt eher eine Randerscheinung sind. Oft stehe das Immunsystem bei von Allergien betroffenen Menschen unter Dauerstress, Mikropartikel erzeugen permanente Entzündungsreize. Allergische Reaktionen sollten stets genau beobachtet werden, vor allem wenn auch die Atemwege zunehmend betroffen sind. Normalerweise behelfen sich Betroffene zunächst mit Antihistaminika oder Nasensprays. „Aber bei den ausufernden Allergieperioden im Jahr sollte man zeitnah mit einer spezifischen Immuntherapie beginnen – das geht auch ambulant.“
Die häufigsten Allergene
Je nachdem, wie Allergene in den Körper gelangen (Atemwege, Blutbahn, Magen-Darm, Haut), wird zwischen Inhalations-, Injektions-, Nahrungsmittel- und Kontaktallergenen unterschieden. Die häufigsten Allergene:
- Pollen von Bäumen, Gräsern und Kräutern
- Hausstaub (Ausscheidungen von Hausstaubmilben)
- Nahrungsmittel (zum Beispiel Erdnüsse, Soja, Kern- und Steinobst)
- Insektengift (zum Beispiel Wespe und Biene)
- Tierhaare (zum Beispiel Hautschuppen von Haustieren)
- Schimmel (Schimmelpilzsporen)
- Medikamente
- Latex
- Arbeitsplatzspezifische Allergene (zum Beispiel Mehl, Frisierprodukte)
Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) ist keine Allergie, auch wenn diese Reaktion ebenfalls immunologisch vermittelt wird.
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