Gegen Fachkräftemagel
Zusätzliche Berufsausbildungen, zertifizierte Qualität mit Beispielcharakter über die Region hinaus, gezielte Personalentwicklung: Der neu geschaffene Bildungscampus am Klinikum Braunschweig präsentiert sich zukunftsorientiert.
Interview: Prem Lata Gupta
Fotos: Kevin Galasso (2), Björn Petersen

Zur Person
Dr. phil. Martin Mrugalla (im Bild links) leitet seit Mai 2024 das Zentrum für pflegerische Bildung. Davor war er Schulleiter der Berufsfachschule Pflege am Klinikum Braunschweig. Er hat eine Ausbildung in der Pflege gemacht, eine Fachweiterbildung zum Anästhesie- und Intensivpfleger abgeschlossen sowie Pflegemanagement und Schulleitungsmanagement studiert. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Intensivpfleger war er auch als Pflegedienstleiter, Verkaufsleiter und Lehrer tätig.
David Gräter (im Bild in der Mitte) arbeitet seit 2016 am Klinikum Braunschweig in der Aus- und Fortbildung von Rettungsfachkräften. Der Notfallpädagoge B.A. und Erwachsenenbildner M.A. ist selbst Notfallsanitäter und hat als Lehrkraft die Aus- und Fortbildung im Rettungsdienst Braunschweig und in der Region ausgebaut und begleitet. Seit 2020 ist er Schulleiter und seit 2024 darüber hinaus Leiter des Zentrums für notfall- und intensivmedizinische Bildung. Der Bezug zur praktischen Notfallversorgung ist ihm wichtig, sodass er in verschiedenen Funktionen in der präklinischen Notfallversorgung weiterhin tätig ist.
Sebastian Jürgen (im Bild rechts) ist seit 2013 im Klinikum Braunschweig tätig. Aktuell leitet er unter anderem die Bereiche Referat der Geschäftsführung, Projektmanagementoffice und das Zentrum für Education und Development. Er kommt ursprünglich aus der Notfallmedizin, hat pädagogisch und bildungswissenschaftlich gearbeitet. Neben der Leitung einer Berufsfachschule gehörten in der Vergangenheit auch der Neuaufbau von Berufsfachschulen, deren Organisationsentwicklung sowie Lehre und gutachterliche Tätigkeiten zu seinen beruflichen Stationen.
Aus- und fortgebildet wurde am Klinikum Braunschweig schon immer: Warum braucht es jetzt einen Bildungscampus?
Dr. Martin Mrugalla: Man muss sich die unterschiedlichen Bereiche wie kleine Fürstentümer vorstellen, in denen früher zu wenig Absprachen herrschten bei ganz konkreten Fragen wie Raumbelegung beispielsweise, aber auch konzeptionell hinsichtlich Absichten und Zielen.
David Gräter: Wir haben unter dem Dach des Bildungscampus nun ein Zentrum für notfall- und intensivmedizinische Bildung und ein Zentrum für pflegerische Bildung. Es geht um die Transparenz und Vereinheitlichung der Prozesse, um so Ressourcen besser zu nutzen: Beispielsweise indem wir dasselbe Programm zur Stundenplanung verwenden und gemeinsam die Onlineplattform zur Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien und Lernarrangements entwickeln, wenn sich Inhaltsbereiche überschneiden – die müssen nicht zweimal separat angeschafft werden.
Als dritte Säule konzentriert sich das Zentrum für Education und Development auf Fortbildung, neben den Zentren für pflegerische Bildung sowie notfall- und intensivpflegerische Bildung. Warum?
Sebastian Jürgen: Bildung hat in der Gesundheitswirtschaft und somit auch im Krankenhauswesen enorm an Bedeutung gewonnen. Es gibt etliche Kliniken, die darin weniger investieren – weil es ein Kostenblock ist, der nichts mit dem originären Auftrag des Unternehmens zu tun hat. Wir agieren gegen diesen Trend und setzen auf Wachstum in der Bildung. Denn Bildung ist ein Schlüssel zur Bekämpfung des Fachkräftemangels, zur Begleitung unserer Mitarbeitenden im stetigen Wandel. Sie schafft die Grundlage, um künftige Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und für die Kolleginnen und Kollegen maßgeschneiderte Lösungen zu anzubieten.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Sebastian Jürgen: Wir setzen, um einen einzelnen Aspekt zu nennen, auf Führungskräfteentwicklung. Wer im Krankenhaus eine leitende Position hat, ist durch Fachkompetenz dorthin gelangt. Das bedeutet nicht zwangsläufig Führungsqualitäten. Wer jedoch sein Team mitnehmen und motivieren muss für Veränderungen, braucht das entsprechende Rüstzeug. Wir haben ein Programm aufgesetzt, das sich über 24 Monate erstreckt, für Einsteigerinnen und Einsteiger auf neuen Positionen, aber auch für erfahrene Mitarbeitende, die schon länger eine Führungsaufgabe haben.
Was ändert sich beim Zentrum für pflegerische Bildung?
Dr. Martin Mrugalla: Wir wollen die Anzahl der Schülerinnen und Schüler steigern und sind jetzt außerdem zuständig für Pflegefachkräfte, die sich fachlich weiterbilden wollen – etwa im Bereich Onkologie oder für den OP, für Leitungsaufgaben in der Pflege oder weil sie anstreben, als Praxisanleitende intensiv die Auszubildenden zu betreuen. Aber wir werden auch neue Angebote machen: Wir gründen neue Schulen wie die Schule für anästhesietechnische und operationstechnische Assistenz sowie die Schule für Pflegeassistenz.
Die Ausbildung zur Pflegeassistenz ist ein niedrigschwelliges Angebot. Dient es der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte?
Dr. Martin Mrugalla: Das ist ein verengter Blick. Wir zeigen Karrierewege auf, denn das System ist durchlässig und voller Chancen: Wer einen Hauptschulabschluss hat, kann eine Ausbildung zur Pflegeassistenz machen. Damit qualifiziert man sich für eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Deren Examen steht für den erweiterten Realschulabschluss. Das wiederum ist das Tor zur Fachweiterbildung. Selbst ein anschließendes Studium ist in Kooperation zwischen dem Klinikum Braunschweig und einer Hochschule denkbar. Mir ist als Botschaft wichtig, dass wir im Klinikum Braunschweig solch einen Karrierepfad gewährleisten können.
Sehen Sie solche Chancen und die Potenziale des Bildungscampus als wichtiges Signal des Klinikums?
David Gräter: Es ist ein klares Alleinstellungsmerkmal in der Region. Längst nicht an jedem Haus kann man sich so breit klinisch und präklinisch qualifizieren. Und die Teilnehmenden arbeiten später an den Schnittstellen zusammen.
Gilt das auch für das Zentrum für notfall- und intensivmedizinische Bildung?
David Gräter: Ja, bei uns gibt es eine Schule für angehende Rettungssanitäterinnen und -sanitäter und eine Schule für Notfallsanitäterinnen und -sanitäter. Bei uns ist außerdem die Fachweiterbildung für Anästhesie- und Intensivpflege sowie für Notfallpflege angesiedelt. An der Notfallsanitäterschule erlernen Auszubildende notfallmedizinische und heilkundliche Maßnahmen in der Theorie, setzen das neue Wissen zunächst an Simulatoren ein und werden dann in der Klinik durch Oberärztinnen und Oberärzte sowie Fachpflegekräfte angeleitet. Das ist die optimale Verknüpfung von theoretischer und praktischer Ausbildung, die fit macht für die spätere Berufsausübung im Rettungsdienst.
Inzwischen wird den hohen Ausbildungsstandards im Notfallbereich Respekt gezollt …
David Gräter: Was Qualität angeht, sind wir ganz weit vorn. Da hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein spannendes Berufsbild entwickelt. In Situationen, wo früher Notärztinnen und -ärzte gerufen wurden, können nun Notfallsanitäterinnen und -sanitäter eingreifen. Es ist ihnen erlaubt, 42 verschiedene heilkundliche Behandlungen eigenständig durchzuführen: Sie dürfen starke Schmerzmittel und kreislaufstabilisierende Medikamente verabreichen. Sie können bei Atemschwierigkeiten intubieren und sie führen auch Kardioversionen durch – eine Behandlung mit Stromstößen, um den Herzrhythmus zu normalisieren.
Das ist sehr verantwortungsvoll. Inwiefern spielt der Bildungscampus auch hierfür eine wichtige Rolle?
David Gräter: Wir schulen nicht nur beschränkt auf Braunschweig, sondern auch für die Gebiete Wolfsburg, Wolfenbüttel und Gifhorn. Wir zertifizieren Mitarbeitende von 20 verschiedenen Organisationen, die zweimal jährlich zu uns kommen, die ihre Kompetenz unter Beweis stellen müssen und gemeinsam lernen. Das ist einzigartig in Niedersachen.
Wie definiert das Zentrum für Education und Development seine Rolle?
Sebastian Jürgen: Wir gehen jetzt schon und in Zukunft verstärkt strategisch vor. Wir werden enger mit der Personalabteilung zusammenarbeiten nach dem Motto „Welche Kompetenzen sind gefragt?“. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden deutlich höheren Anforderungen an Kliniken, unter anderem durch die anstehende Krankenhausreform, die eine Zuordnung zu Fallgruppen vorsieht, werden wir mit kleineren Häusern kooperieren. Insbesondere für den Fall, dass diese perspektivisch bestimmte Leistungsbereiche möglicherweise nicht mehr eigenständig abdecken können. Der Bildungscampus als Ökosystem ist ein Angebot an die Partner in der Region, sich mit uns zu verbinden. Sie müssen auch nicht unbedingt eine eigene Lernplattform aufsetzen. Die Alternative ist, bei uns mit einzusteigen.
Wovon profitieren die bereits im Hause tätigen Mitarbeitenden?
Sebastian Jürgen: Indem wir Kompetenzbereiche clustern und unterschiedliche Angebote machen: für die persönliche Entwicklung, im methodischen Bereich und was die fachliche Kompetenz angeht. Wir wollen Best-Practice-Beispiele nutzen und Erkenntnisgewinne aus den Sanitäterschulen und der Berufsschule Pflege auf andere Ausbildungsberufe am Klinikum übertragen. Wir bieten ein Trainee-Programm für junge Talente, die sich zur Führungskraft eignen: mit einem persönlichen Mentor, mit Rotationsmöglichkeiten an andere Häuser.
Das wirkt sehr modern, finden sich im Schulalltag ebenfalls solche Ansätze wieder?
Dr. Martin Mrugalla: Wir haben ein PflegeLab, bieten mit 20 Prozent Praxisanleitung – also sehr individueller Wissensvermittlung durch geschulte Kräfte – doppelt so viel wie vom Gesetzgeber gefordert. Wir arbeiten in unseren Schulen komplett mit iPads. Wir haben eine eigene Schulsozialarbeiterin und eine Schul-IT-Expertin nur für unsere Belange. Das gibt es in der Region sonst nicht.
Dr. Martin Mrugalla
David Gräter
Sebastian Jürgen
Informative Links
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- https://karriere.skbs.de/blog
- https://karriere.skbs.de/berufswelten/pflege
- https://karriere.skbs.de/berufswelten/med-techn-dienst
- https://bildungsportal-niedersachsen.de/berufliche-bildung/gesundheitsfachberufe/notsan/ausbildung
- https://www.azubiyo.de/berufe/operationstechnischer-assistent/
- https://www.ausbildung.de/berufe/anaesthesietechnischer-assistent/
- https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/pflegeassistenzgesetz-pm-04-09-2024.html
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