Hochattraktives Fachgebiet
Die Chance auf Spezialisierung, fachübergreifende Operationen und flexible Arbeitszeiten: HNO-Chefarzt Prof. Dr. Andreas Gerstner beschreibt sein Fachgebiet als hochattraktiv für die Weiterbildung.
Text: Susanna Bauch
Foto: Nick Neufeld

Zur Person
Prof. Dr. Andreas Gerstner (56) ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde mit der Weiterbildung für plastische und ästhetische Operationen sowie spezielle HNO-Chirurgie. Nach dem Studium der Humanmedizin und Stationen in Leipzig und Bonn leitet er seit 2013 als Chefarzt die HNO-Klinik am Klinikum Braunschweig. Seine besonderen Schwerpunkte liegen in der Tumorchirurgie einschließlich der plastisch-rekonstruktiven Verfahren sowie der Schädelbasis-Chirurgie, der Nasennebenhöhlenchirurgie, der hörverbessernden Mittelohr- sowie der Speicheldrüsenchirurgie. Prof. Dr. Gerstner ist auch in einer ambulanten Praxis tätig.
Herr Prof. Dr. Gerstner, wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Meine Fachrichtung ist auf die Diagnose und die Behandlung von Erkrankungen im Bereich Hals, Nase und Ohren ausgerichtet. Die HNO-Heilkunde hat sich im Laufe der Zeit von einer einfachen chirurgischen Disziplin zu einem hoch spezialisierten Fachgebiet entwickelt – mit komplexen Operationen im Kopf- und Halsbereich und einer breiten Palette an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten.
Laut Facharztindex liegt die HNO-Heilkunde in der Beliebtheit angehender Medizinerinnen und Mediziner nicht unter den zehn beliebtesten Disziplinen. Ist das Fach so wenig reizvoll?
Bei uns im Klinikum können alle Stellen regelmäßig besetzt werden, wir haben keine akuten Nachwuchsprobleme. Aber das kann sich ändern, weil durch den demografischen Wandel auch die Arbeit zunimmt. Die Menschen werden älter, benötigen öfter medizinische Hilfe, auch im Bereich HNO. Andererseits freuen wir uns über Fortschritte. So hat sich dank verbesserter Therapien die Überlebenszeit bei Krebs verlängert, wir sehen Patientinnen und Patienten, die bereits zwei Karzinome überstanden haben – etwa bei einem Plattenepithelkarzinom oder bei Kehlkopf- oder Rachenkrebs.
Wie kann der ärztliche Nachwuchs auch für Ihr Fachgebiet motiviert werden?
Das Werben der einzelnen Berufsverbände für ihr jeweiliges Fachgebiet stößt an Grenzen, wenn es generell zu wenig ärztlichen Nachwuchs gibt. Ohne zusätzliche Studienplätze wird sich dies kaum ändern lassen.
Wie sieht eine Versorgungszukunft bei mangelndem Fachpersonal aus?
Das Thema derzeit ist Rationalisierung – von Leistungen, von Zeit, von Kostenübernahmen –, es wird also etwas weggelassen. Daraus resultiert Therapieverzögerung: Dann werden Befunde erst im fortgeschrittenen Stadium einer Erkrankung gestellt – manchmal zu spät. Das muss nicht nur lebensbedrohliche Erkrankungen betreffen, eine Nasennebenhöhlenentzündung etwa kann chronisch werden, ein spätes Eingreifen bei Schwindel oder Hörminderung langfristige Auswirkungen haben.
Womit kann die HNO-Heilkunde punkten, wenn die Entscheidung für eine Fachrichtung ansteht?
Viele wollen heute anders arbeiten. Für uns spricht, dass HNO als Fach sich beispielsweise perfekt für Teilzeit eignet. Mittlerweile sind sogar die Abläufe einer Operation so standardisiert, dass sie gesplittet werden können – also jemand anderes aus dem Ärzteteam übernimmt. Außerdem bietet sich das Fach für eine intersektionale Versorgung an – man kann in Klinik und niedergelassener Praxis gleichermaßen aktiv sein. Und die Weiterbildung in der HNO-Heilkunde ist besonders attraktiv, weil sie eine breite Palette an Operationen ermöglicht, den meisten Patientinnen und Patienten wirklich geholfen werden kann und weil es viele Möglichkeiten zur Spezialisierung gibt wie Onkologie, Immunologie oder Neurootologie, die sich mit den Nerven im HNO-Bereich befasst. Auch Eingriffe bei Kindern bietet das Fach, etwa die Entfernung der Rachenmandeln sowie bei Trommelfellperforationen.
Wie steht es um die interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Die Unterstützung anderer Fächer ist ein Fundament, das nicht bröckeln darf. Die HNO-Heilkunde arbeitet eng mit der Anästhesie, der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, der Neurochirurgie, der Augenheilkunde und auch der Traumatologie zusammen.
Viele Patientinnen und Patienten werden zunächst in ambulanten HNO-Praxen versorgt. Wann stößt man dort an Grenzen?
Viele Operationen sind mit einem stationären Aufenthalt verbunden, etwa Tumorentfernungen, aber auch spezielle Eingriffe wie die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat oder einem Zungenschrittmacher. Auch eine chronische Ohrentzündung ist ein Fall für die Klinik, ebenso wie die invasive Tumordiagnostik. Und natürlich sämtliche Notfälle und Unfälle, bei denen unter anderem Erstickungsgefahr besteht. 2025 haben wir im Klinikum Braunschweig rund 2600 Patientinnen und Patienten stationär versorgt.
Was hat Sie persönlich dazu bewogen, für die Facharztausbildung die HNO-Heilkunde zu wählen?
Das Fach zeichnet sich durch große Vielfalt aus. Wir behandeln Kleinkinder ebenso wie sehr alte Menschen, Frauen und Männer. In den Aufgabenbereich fallen große operative Eingriffe wie Rekonstruktionen und Tumor-OPs. Wir versorgen Hörgeschädigte mit Cochlea-Implantaten, übernehmen chirurgische Eingriffe an Kehlkopf oder Schilddrüse. Auch der nicht operative Aspekt ist spannend und entwickelt sich immer weiter. Biologika und Immunonkologika bieten ein innovatives Spektrum neuer Therapien, und auch Techniken wie Endoskopien werden weiter präzisiert – neue Behandlungsansätze sind immer eine große Bereicherung.
Prof. Dr. Andreas Gerstner
Chefarzt der HNO-Klinik
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