Ein leeres Bettchen, das gerahmte Bild von Kenneth an der Wand. Sichtbare Zeichen, die Marilyn und Tobias Sztybrych täglich an ihr Sternenkind erinnern. Im November 2023 erfuhr die werdende Mutter in ihrer Frauenarztpraxis, dass keine Herztöne mehr bei ihrem Sohn messbar seien – in der 29. Schwangerschaftswoche. Sie sollte sich deshalb ins Klinikum Braunschweig begeben. Dort bekam die damals 28-Jährige ein Medikament verabreicht, „damit mein Körper weiß, dass er nicht mehr schwanger ist.“ Die nächsten zwei Tage hat das Paar wie einen Blackout erlebt, „wir haben so gut wie keine Erinnerung daran“. Dann bezogen die beiden ein Doppelzimmer im Klinikum und warteten auf das, was Fachleute eine „stille Geburt“ nennen: Ein Kind kommt auf natürlichem Weg zur Welt, nachdem es im Mutterleib verstorben ist. Ihren Sohn vorzeitig verlieren zu können, „damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Marilyn Sztybrych. Im Gegenteil: Gerade waren im gemeinsamen familiären Umfeld zwei Kinder geboren worden. Der Ehemann: „Und wir hatten gedacht: Unser Kind und die beiden anderen werden gemeinsam groß.“ Bei allem Schmerz stand für das Paar fest: „Wir wollen offen mit unserem Verlust umgehen – wir werden auch mit anderen darüber sprechen.“ Und sie beschlossen, den kleinen Kenneth und sich mit ihm zusammen fotografieren zu lassen.

Um kleine Details ganz aus der Nähe zu fotografieren, benötigt Martin Kaldenhoff ein Spezialobjektiv.
Fotos vermitteln Ruhe und Innigkeit
Viele verwaiste Eltern wünschen sich bleibende Erinnerungen. Sie möchten die Existenz des geliebten Kindes sichtbar machen. Und zwar in harmonischen Bildern. Für das Ehepaar Sztybrych hat Martin Kaldenhoff solche berührenden Erinnerungen geschaffen. Der selbstständig arbeitende Bauingenieur lebt in Braunschweig, ist gleichzeitig passionierter Fotograf und ehrenamtlich für die Stiftung „Dein Sternenkind“ tätig. Eine App informiert ihn, wenn in seinem Einzugsgebiet ein tot geborenes oder verstorbenes Kind auf Wunsch der Eltern fotografiert werden soll. Dafür gibt es eine bundesweite zentrale Rufnummer, die rund um die Uhr besetzt ist. Dort können sich betreuende Hebammen oder auch Angehörige melden.
Martin Kaldenhoff geht in diesen Situationen sehr behutsam vor: Die Fotos, die er macht, vermitteln Innigkeit. Eltern halten zärtlich eine winzige Hand. Oder sie legen das Kind auf ihren Körper. In diesem Fall wollte das Paar seinem Sohn einen Marienkäfer-Strampler anziehen, den es bereits gekauft hatte. Martin Kaldenhoff sagt: „Es ist eine Gratwanderung zwischen Mitgefühl und dem Bemühen, ein authentisches Bild zu schaffen.“ Was ihn antreibt? Er überlegt kurz: „Wenn man mir die Tür öffnet auf der Entbindungsstation, höre ich immer: ,Schön, dass Sie da sind.‘ Ich habe das Gefühl, etwas Wertvolles zu tun. Die Eltern, denen ich begegne, sind dankbar, diese Fotos zu bekommen.“
Noch immer ein Tabuthema
Karin Oppe, Chefhebamme am Klinikum, erklärt: „Dass Kinder während der Schwangerschaft, vor oder nach Geburt versterben, ist immer noch ein Tabuthema. Das ändert sich langsam – auch dank der Sternenkindfotografie.“ Sie und ihr Team begleiten die Paare mit Respekt und Empathie. Das Kind bewusst anzuschauen, auch mehrmals, sei sehr wichtig für den Abschieds- und Trauerprozess. „Wir haben Kenneth im Arm gehalten“, erzählt Marilyn Sztybrych. Was ihnen damals gutgetan hat: „Im Krankenhaus waren alle sehr lieb und rücksichtsvoll.
Trauerbegleiterin für verwaiste Eltern
Ulrike Frost, ebenfalls Hebamme am Klinikum Braunschweig, hat sich zur Trauerbegleiterin für verwaiste Eltern ausbilden lassen. Sie steht für Gespräche zur Verfügung: Vor der Geburt und danach. Sie besucht Paare sogar zu Hause. „Sie hat uns alle Fragen beantwortet“, sagt Marilyn Sztybrych. Ulrike Frost bietet außerdem Rückbildungskurse ausschließlich für Mütter von Sternenkindern an. Denn es wäre tragisch, wenn sie Gymnastik gemeinsam mit Frauen machen würden, die sich gerade über ein gesundes Baby freuen und bei denen die Schwangerschaft glücklich ausgegangen ist. Der Rückbildungskurs für Mütter von Sternenkindern hingegen bietet die Möglichkeit für Gespräche auch untereinander.
Betäubtheit, Tränen, der Impuls, hinausrennen zu müssen – weg vom Ort des Geschehens: Simone Kirsch hat bereits viele Reaktionen erlebt. Sie arbeitet in der psychosozialen Elternberatung der Klinik für Neonatologie und der pädiatrischen Intensivstation des Klinikums. „Wir können den Eltern das Leid nicht abnehmen, aber wir versuchen sie aufzufangen.“ Beim Betrachten des verstorbenen Kindes entstünden besondere Momente. Etwa wenn Details auffallen wie „sieh mal, es hat einen langen, großen Zeh, ganz der Vater“.

Martin Kaldenhoff ist mit seiner Fotoausrüstung auf dem Weg zum Kreißsaalbereich.

Wenn sich abzeichnet, dass ein Kind nicht überleben wird, wünschen sich Eltern ein Bild von den Vitalzeichen.
Sensibler Umgang mit Betroffenen
Fotos von kleinen Füßen, winzigen Händen, Aufnahmen der ganzen Familie, solche Bilder helfen, die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Die Psychologin erläutert, wie weitere Unterstützung aussieht: „Wenn es gewünscht wird, ermöglichen wir eine Taufe. Oder dass ein Imam hierherkommt. Wir ermutigen Eltern, die Art der Bestattung mitzugestalten, auch Geschwister mit einzubeziehen, die vielleicht ein Spielzeug mit in den Sarg geben wollen.“ Die Sternenkindfotografie werde zum Teil sogar in sozialen Medien wie Instagram geteilt. So entstehe eine neue Haltung: Jeder Mensch zählt! Eine wichtige gesetzliche Neuerung ist, dass auch Frauen, die eine Fehl- oder Totgeburt erlitten haben, ab der 13. Schwangerschaftswoche nun Anspruch auf Mutterschutz haben. Bis dahin waren sie auf Krankschreibungen von Ärztinnen und Ärzten angewiesen.
Ein sensibler Umgang ist auch für Martin Kaldenhoff elementar. Wenn er Fotos von Sternenkindern an deren Eltern schickt, steckt er sie in ein Briefkuvert und das mit einem persönlichen Anschreiben wiederum in einen größeren Umschlag. „So können sie in Ruhe entscheiden, ob und wann sie sich die Bilder ansehen wollen.“ Manchmal bekommt er Post zurück: „Lieber Martin, deine Bilder kamen an und es ist nicht in Worte zu fassen, wie wunderschön sie sind.“
Die Fotos, die von Kenneth mit seinen Eltern entstanden sind, kleben in einem Album. Die Sztybrychs sind froh, dass dank Martin Kaldenhoff viele Motive entstanden sind, die sie auch jetzt noch anschauen. Doch – manchmal kehrt die Trauer mit Wucht zurück, dann weinen sie. Im Vordergrund jedoch steht, dass es auch Glück gab und gibt. Das festzuhalten, war ihre Intention. „Wir wollten unser Kind kennenlernen – und man sieht uns dabei lächeln.“
Das erste und das letzte Bild
Die Stiftung „Dein Sternenkind“ wurde 2013 von dem inzwischen verstorbenen Fotografen und Videofilmer Kai Gebel gegründet. Sie hat zum Ziel, greifbare Erinnerungen zu schaffen und Eltern bei der Trauerarbeit zu unterstützen. Inzwischen gehören mehr als 700 Fotografinnen und Fotografen dem Netzwerk an: Sie werden bundesweit und auch jenseits deutscher Grenzen eingesetzt. Genauso wie das übrige Personal der Stiftung arbeiten sie ehrenamtlich. Wer Sternenkinder für die Organisation fotografieren möchte, muss sich mit Arbeitsproben bewerben und ein geeignetes Fotoequipment wie etwa Makroobjektive nachweisen. Aktuell zeigen zwei Wanderausstellungen Fotografien von Sternenkindern. Die Idee und Umsetzung von „Dein Sternenkind“ wurde 2017 mit dem Deutschen Engagementpreis sowie 2020 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
www.dein-sternenkind.eu
Buchtipp: „Jede 3. Frau“
25 Frauen brechen ihr Schweigen, erzählen über ihre Fehlgeburt und wie sie diese einschneidende Erfahrung erlebt und verarbeitet haben. Initiiert wurde dieses Buch durch Natascha Sagorski. Sie war selbst betroffen und hat eine Petition in Gang gesetzt, die in einer Gesetzesänderung mündete: die vom Bundestag am 30. Januar 2025 beschlossene Einführung gestaffelter Mutterschutzfristen nach einer Fehlgeburt ab der 13. Schwangerschaftswoche.
„Jede 3. Frau“
von Natascha Sagorski
Komplettmedia
ISBN: 978-3-8312-0595-0
20 Euro
Informative Links
Sie wünschen sich mehr Infos zum Thema Sternenkinder?
Wir haben nützliche Links für Sie.
- https://lichtblick-braunschweig.de
- https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/bundesrat-stimmt-erweiterten-mutterschutzfristen-nach-einer-fehlgeburt-zu-255072
- https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/sternenkinder-75368
- https://mein-sternenkind.net
- https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/frauen_gleichstellung/frauen_gesundheit/themen_rund_um_die_geburt/sternenkind-schmetterlingskind-engelskind-eine-einfuhlsame-erinnerung-225718.html
- https://www.bundestag.de/resource/blob/957676/3f8f7eb4f025ff72b2380ab69fc27215/Sternenkinder-data.pdf
- https://bvksg.eu
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