Berkay mit seinen Superheldenfiguren

Leukämie bei Kindern

Der kleine Berkay kämpft gegen Krebs

Als Berkay die Diagnose Leukämie bekam, war er gerade mal drei Jahre alt. Es folgte eine intensive Therapie durch das Team der Kinderonkologie am Klinikum Braunschweig. puls hat den Jungen und seine Familie besucht.

Text: Prem Lata Gupta
Fotos: Nick Neufeld
Illustration: Lars Heppner/MMA

Berkay zu Hause: Mit seinen Superheldenfiguren spielt der junge Patient besonders gern.

Berkay sitzt ganz dicht bei seinem Vater und schmiegt sich in dessen Arm, während Zwillingsbruder Berkan und seine zwei Jahre ältere Schwester durch die Wohnung tollen. Von den drei Sorten Blechkuchen, die seine Mutter auf den Wohnzimmertisch stellt, mag er zunächst nichts nehmen. „Ich will einen anderen.“ Die Eltern vertrösten ihn auf später und Vater Levent Kahraman erklärt geduldig: „Wir haben während der Therapie zu vielem ,Ja‘ gesagt.“ Für ihn und seine Ehefrau Oezlem teilt sich die Welt immer noch in eine Zeit vor und eine nach der Erkrankung ihres Sohnes. Es war im Februar vergangenen Jahres, als Berkay über Bein- und Gliederschmerzen klagte. Seine Mutter stellte ihn der Kinderärztin vor, diese tippte, es könnten Symptome einer Grippe sein, doch das Befinden änderte sich nur wenig. „Blaue Lippen hatte er auch, da kam die Befürchtung auf, dass sein Herz untersucht werden musste“, sagt Oezlem Kahraman. Als er nach drei Wochen auf einmal nicht mehr laufen, sondern nur noch krabbeln konnte, ergab ein Bluttest am 6. März 2024 eine gänzlich andere Diagnose: akute lymphatische Leukämie (ALL).

Die niedergelassene Ärztin veranlasste eine sofortige Einweisung ins Klinikum Braunschweig, dort wurde Berkay in die Kinderonkologie aufgenommen, mit ihm als Begleitperson seine Mutter. Leukämie, im Volksmund auch Blutkrebs genannt, ist kein solider Tumor, der operativ entfernt werden kann.

Die Behandlung erfolgt über eine Chemotherapie, dafür bekam der damals Dreijährige als Dauerzugang einen sogenannten Port am Oberkörper eingepflanzt: So lassen sich Infusionen verabreichen, mit denen die Leukämiezellen vollständig zerstört werden sollen. Oezlem Kahraman zeigt Bilder aus dem Krankenhaus: Berkay blass im Bett, das Gesicht ganz rund vom Kortison, das unerlässlich für die ALL-Therapie ist. Berkay im Rollstuhl mit Maske und einem Superheldenumhang.

Ein Kind und seine persönliche Schutzausrüstung im Kampf gegen die Krankheit. Inspiriert auch durch den Inhalt einer Spielzeugkiste voll mit Spiderman- und Superman-Figuren, die ihm eine Kinderkrankenschwester geschenkt hat. Damit beschäftigen sich der inzwischen Vierjährige und seine Geschwister regelmäßig: Berkay holt die Kiste ins Wohnzimmer. Und er zeigt ein Krankenhaus im Miniformat inklusive Krankenbett, alles aus Lego.

Wenn er damit spielt, nennt er ein zugehöriges Figürchen Dr. Scheer-Preiss. Die Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin gehört zum Team, das Berkay behandelt hat. „Sie war genau wie die anderen sehr engagiert. Sie ist jemand, der mit Leib und Seele arbeitet“, erinnert sich Oezlem Kahraman.

Berkay auf Spielplatz

Frische Luft genießen und draußen toben: Inzwischen hat der Vierjährige wieder Kraft für die schönen Seiten des Lebens.

Welche Therapieintensität ist nötig?

Dr. Johanna Scheer-Preiss erläutert, worauf tief besorgte Eltern wie die Kahramans inständig hoffen: „In etwa 85 Prozent der Fälle lässt sich ALL bei Kindern und Jugendlichen heilen.“ Heutzutage kann ihren Worten zufolge eine gezieltere Behandlung erfolgen, da die entarteten Zellen auf genetische Veränderungen untersucht werden, die bereits Aufschluss über die Intensität der erforderlichen Therapie geben können. Ein weiterer Faktor, der eine große Rolle spiele: „Wie spricht eine junge Patientin oder ein junger Patient darauf an?“

Um mit der neuen Situation bestmöglich umzugehen und die Betreuung für seine Kinder zu gewährleisten, entschloss sich das Ehepaar zu Beginn des Klinikaufenthalts, seine Kräfte aufzuteilen. Oezlem Kahraman war die meiste Zeit bei ihrem kranken Sohn. Ehemann Levent betreute zu Hause den Zwillingsbruder Berkan und die Tochter Lina-Su. Er verdient sein Geld als Logistiker in der Baubranche: „Ich habe meinem Arbeitgeber gesagt, dass ich jetzt für meine Familie da sein muss.“ Dabei stieß der Vater auf unerwartet großes Entgegenkommen und viel Mitgefühl. Die Firma übernahm sogar sechs Monate die Mietkosten der Wohnung.

Die Behandlung war anstrengend

Trotz dieser Unterstützung durchlebten die Eltern und vor allem Berkay eine harte Zeit. Oezlem Kahraman hat nicht gezählt, wie oft sie geweint hat: „Von der Chemotherapie waren seine Schleimhäute so wund, dass er teilweise nichts essen und nicht mehr sprechen konnte“, schildert sie eine besonders belastende Phase.

Einmal waren ihr zufolge die Entzündungswerte so schlecht, dass kein Antibiotikum mehr anschlug. „Ich habe vor Verzweiflung geschrien.“ Hoffnung und Frust lagen immer dicht beieinander, bei den Eltern und auch bei dem kleinen Patienten selbst. „Als es einmal hieß: Heute darfst du mal raus aus dem Krankenhaus – und dann das Ganze auf den nächsten Tag verschoben wurde, hat er vor Enttäuschung mit Büchern geworfen“, erklärt seine Mutter. Was sie sehr gefreut hat: „Auf der Station waren alle immer so verständnisvoll und herzlich. Wenn ich eine Decke brauchte, habe ich sie bekommen, wenn ich um Apfelmus für meinen Sohn bat, war das kein Problem.“

Berkay mit Oberärztin

Oberärztin Dr. Johanna Scheer-Preiss gehört zum Behandlungsteam in der Kinderonkologie. Sie hat Berkay bei seiner Therapie mitbetreut.

Oezlem und Levent mit ihren drei Kindern

Oezlem und Levent Kahraman mit ihren drei Kindern: Berkay in der Mitte, links sein Zwillingsbruder Berkan und rechts seine Schwester Lina-Su.

Berkay mit seinen Superheldenfiguren

Superman ist unbesiegbar: Während seiner Krankheit hat sich Berkay genau so verkleidet.

Alle 14 Tage zur Kontrolle ins Klinikum

So viele Nächte hat sie bei ihrem Sohn in der Klinik durchwacht, die Blicke Richtung Monitor. „Atmet mein Kind, fiebert mein Kind?“ Das denkt sie noch heute, die Ängste sitzen tief. Manchmal hat Oezlem Kahraman mit ihrem Mann getauscht, weil ihre anderen zwei Kinder sie als Mama ebenfalls brauchen. „Ich habe während der Zeit des Klinikaufenthalts meiner Tochter das Fahrradfahren beigebracht, habe sie oder Berkan zu Kindergeburtstagen begleitet.“ Am 6. November 2024 war es dann endlich so weit: Nach neun Monaten intensiver Behandlung und vielen Krankenhausaufenthalten war die stationäre Chemotherapie im Klinikum geschafft – und Berkay durfte deshalb zur Feier des Tages eine Schiffsglocke auf dem Flur der onkologischen Kinderstation läuten. Es ist immer ein freudiges Signal, wenn dies geschieht. Auch für die Mitglieder des Behandlungsteams sowie andere Kinder und deren Angehörige, die dann begeistert applaudieren.

Zu Hause geht die Therapie für den kleinen Jungen weiter: Er muss verschiedene Medikamente nehmen und alle 14 Tage zur Kontrolle ins Klinikum Braunschweig. Dr. Johanna Scheer-Preis betont: „Die Behandlung hat es in sich. Aber die besten Ergebnisse lassen sich erzielen, wenn nach Diagnosestellung die Chemotherapie zwei Jahre lang dauert. Also muss er noch bis März durchhalten.“

Berkay geht es wieder so gut, dass er den Kindergarten besucht. Er kann sich selbst anziehen, trainiert gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder zweimal wöchentlich Basketball. Und er weiß auch schon, was er werden will: „Doktor. Ich will anderen Kindern helfen.“

Gute Chance auf Heilung

Leukämie ist laut Kinderkrebsregister mit knapp 30 Prozent die häufigste Krebserkrankung von Kindern und Jugendlichen: Bei ihnen sind die weißen Blutzellen krankhaft verändert und damit ist das blutbildende System des Körpers gestört. In acht von zehn Fällen handelt es sich um eine akute lymphatische Leukämie (ALL), diese trifft häufiger Jungen als Mädchen. Symptome sind Blässe, Schwäche, Schwindel, Kurzatmigkeit. Manchmal treten Fieber auf oder Nachtschweiß, auch die Lymphknoten können anschwellen. Zur Diagnostik gehören Bluttests und Knochenmarkuntersuchungen. Besonders wenn Leukämie früh erkannt wird, stehen die Heilungschancen gut. Fachleute nennen Zahlen zwischen 75 und 90 Prozent. Prinzipiell erfolgt eine Chemotherapie, manchmal ergänzt um eine Strahlentherapie. In Einzelfällen ist eine Stammzelltransplantation notwendig.

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