Die Patientin ist verunsichert. Etwas stimmt nicht, seit Monaten. Sie klagt immer wieder über Doppelbilder und Schwindelgefühle. Auch der junge Mann, Sportler und Familienvater, leidet seit mehr als einem Jahr unter Pfeifen auf dem rechten Ohr und einer Verschlechterung des Hörens. Bildgebende Untersuchungen haben bei beiden ergeben: Im Kopf ist etwas, das nicht dahin gehört. Die Diagnose „Tumor im Kopf“ ist für Betroffene immer ein Schock und angstbesetzt.
Der Begriff Hirntumor umfasst sowohl gutartige als auch schnell wachsende, sogenannte bösartige Wucherungen. Schädelbasistumoren sind an der Schädelbasis lokalisiert. Dort verlaufen die zwölf Hirnnervenpaare, etwa die Riech-, Seh-, Augenmuskel- und Hörnerven sowie die arteriellen und venösen Gefäße und Leitungsbahnen für die Hormonsteuerung. Die Besonderheit der Schädelbasistumoren und die Herausforderung in der Behandlung ist, dass die Tumoren die genannten Strukturen oftmals umwachsen, diese aber – wann immer möglich – geschont werden müssen.
Das sind verräterische Symptome
„Patientinnen und Patienten mit Tumoren im Bereich der Schädelbasis zeigen oftmals Ausfälle der Hirnnervenfunktion, etwa eine Verschlechterung des Sehens, des Hörens oder ein Taubheitsgefühl sowie Schmerzen im Bereich des Gesichtes oder Zeichen von Druck auf die tiefer liegenden Hirnstrukturen, was Schwindel und Gangstörung auslösen kann“, erklärt Dr. Henrik Giese, Leitender Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik.
Alle Patientinnen und Patienten mit Tumoren im Kopf, an der Schädelbasis und im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarks werden an das Neuroonkologische Zentrum des Cancer Centers Braunschweig angebunden, das von Prof. Dr. Klaus Zweckberger, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik, und PD Dr. Annette Spreer, Chefärztin der Neurologischen Klinik, geleitet wird. „Befunde von Patientinnen und Patienten werden in der interdisziplinären Tumorkonferenz mit Kolleginnen und Kollegen von Neurochirurgie, Neurologie, Strahlentherapie, Onkologie, HNO, Neuroradiologie und Neuropathologie besprochen, gemeinsam wird ein Therapiekonzept festgelegt“, erläutert Dr. Modar Kentar, Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik und Koordinator des Neuroonkologischen Zentrums.
Bei den meisten Tumoren ist die Therapie der Wahl die operative Entfernung unter Schonung der Nervenstrukturen und der Gefäße. Sehr kleine Tumoren können oftmals zunächst beobachtet werden. „Eine medikamentöse Therapie steht für die meisten Tumoren nicht zur Verfügung“, sagt Prof. Dr. Zweckberger. Strahlentherapie indes werde oftmals angewandt bei Rezidiven (Wiederkehren des Tumors), höhergradigen Tumoren oder wenn sie in Gebiete einwachsen, die eine vollständige Entfernung nicht sicher möglich machen.
„Die häufigsten gutartigen Tumoren sind Meningeome – tumoröse Veränderungen, die von der Hirnhaut ausgehen. In 80 Prozent der Fälle sind Frauen betroffen, häufig nach einer Schwangerschaft oder im Alter von 55 plus“, so Prof. Dr. Zweckberger. Je nach Lokalisation drücken diese Tumoren auf Hirngewebe oder Hirnnerven und können Symptome wie Sehstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Schwindel, Schmerzen sowie Schluckstörungen verursachen.
Wann ist ein chirurgischer Eingriff notwendig?
Wird eine bestimmte Größe der Tumoren erreicht oder weisen Erkrankte Symptome auf, besteht eine Indikation zur Behandlung. Dabei ist die Therapie der ersten Wahl die chirurgische Entfernung. „Um eine möglichst radikale, aber sichere Entfernung zu ermöglichen, werden neueste Techniken eingesetzt. Neben modernsten Mikroskopen kommen sogenannte Neuronavigation und elektrophysiologisches Neuromonitoring zur Anwendung. Damit können Tumoren sicher lokalisiert und die Funktion der Hirnnerven bei dem Eingriff kontinuierlich überwacht werden“, betont Dr. Kentar.
Auch sogenannte Akustikusneurinome zählen zu den gutartigen Schädelbasistumoren. Sie werden auch Vestibularschwannome genannt und gehen vom achten Hirnnerv aus, der das Gleichgewicht und die Hörfunktion mitsteuert, erläutert Prof. Dr. Zweckberger. „Wenn diese Tumoren wachsen, kann es zu Tinnitus, Hörverlust und Schwindel kommen.“ Große Tumoren werden in der Regel chirurgisch behandelt, bei kleineren kann abgewartet und mit bildgebenden Verfahren kontrolliert werden. Akustikusneurinome operiert der Chefarzt am Klinikum Braunschweig stets selbst – meist mehrere pro Monat. „Werden sie frühzeitig erkannt und entfernt, kann auch die Lebensqualität erhalten werden.“

Prof. Dr. Klaus Zweckberger
Leiter der Klinik für Neurochirurgie am Klinikum Braunschweig

Maximilian Niemuth ist zur Behandlung aus Nürnberg nach Braunschweig gekommen.
OP geglückt – acht Wochen später in Urlaub
Maximilian Niemuth ist aus Nürnberg nach Braunschweig gekommen, um sich von Prof. Dr. Zweckberger behandeln zu lassen. Der sportliche und beruflich engagierte 27-Jährige war ein Jahr zuvor auf einem Popkonzert, etwa zeitgleich traten Hörsturz und Tinnitus auf, weshalb die Symptome zunächst auf den Konzertbesuch geschoben wurden. Nachdem er aber bei einem Marathon Schwindel verspürt hatte, wurde schließlich ein MRT des Schädels initiiert. Und damit ein Schock – ein extrem großes Akustikusneurinom. Prof. Dr. Zweckberger hat den Patienten im Juni erfolgreich operiert. Letzte Woche ist er zur Nachkontrolle gekommen. Acht Wochen nach der OP war er im Urlaub in den USA, wieder voll im Beruf und täglich im Fitnessstudio oder beim Laufen. So habe der junge Mann die bestmögliche Ausgangslage für eine symptomfreie Zukunft.
Hypophysentumoren schließlich zählen ebenfalls zu den Schädelbasistumoren. Die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) liegt in der Schädelbasis unterhalb des Gehirns und steuert einen Großteil des körpereigenen Hormonsystems. Die meisten Hypophysentumoren sind Adenome, die normalerweise gutartig sind. „In etwa zehn Prozent der Fälle führen sie auch zur Ausschüttung von Hormonen, die unterschiedliche Körperfunktionen stören können. So führt eine übermäßige Ausschüttung von Wachstumshormonen zu ungewöhnlicher Vergrößerung von Händen, Füßen und gröberen Gesichtszügen etwa an Lippen oder Nase, aber auch zu einem Wachstum der inneren Organe wie dem Herz, was zu ernsthaften Problemen führen kann“, erläutert Prof. Dr. Zweckberger. „MRT, ein Sehtest mit Gesichtsfeldanalyse und eine Blutabnahme zur Untersuchung des Hormonstatus gehören zur standardmäßigen Diagnostik“, sagt Dr. Giese.
Kleinere und hormoninaktive Tumoren können bildgebend kontrolliert werden, größere Tumoren werden operativ behandelt – minimalinvasiv, mikrochirurgisch und endoskopisch über die Nase. „Direkt nach dem Eingriff berichten Patientinnen und Patienten über eine unmittelbare Verbesserung des Sehens und des Gesichtsfeldes“, so Prof. Dr. Zweckberger.
Eingriffe im Bereich der Schädelbasis sind meist komplex, auch deshalb wird interdisziplinär gearbeitet. „Wir verfolgen den Teamgedanken und sind gut aufgestellt.“ Die Anzahl neurochirurgischer Operationen in drei Operationssälen ist mit deutlich über 2000 jährlichen Eingriffen hoch. „Die Zahl der Tumoroperationen hat sich auch aufgrund unserer Expertise verdreifacht in den vergangenen Jahren“, sagt Prof. Dr. Klaus Zweckberger. Die meisten Schädelbasistumoren seien gut zu behandeln – mit dem Ergebnis einer guten Lebensqualität und Lebenserwartung.

Prof. Dr. Klaus Zweckberger mit Patient Maximilian Niemuth bei der Nachkontrolle. Der Chefarzt zeigt auf der MRT-Aufnahme, wie groß der Tumor vor seiner Entfernung gewesen ist.
Schädelbasis: Überblick
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Komplexe Technik für sichere Eingriffe
Die moderne Schädelbasischirurgie ist interdisziplinäre Teamarbeit – vor, während und nach einer Operation – und geprägt durch hohe Expertise der Chirurginnen und Chirurgen sowie modernste technische Ausstattung im OP. Vorteil: Zugänge sind kleiner, die Visualisierung durch moderne Mikroskope, die auch eine Angiografiefunktion zur Darstellung der Gefäße haben, und Endoskope ist besser. Neuronavigation und elektrophysiologisches Neuromonitoring machen die OP sicherer. Letzteres beschreibt die Überwachung wichtiger Funktionen des Nervensystems während einer Operation. Es hilft den Chirurginnen und Chirurgen, wichtige Nervenstrukturen im Operationsgebiet auszumachen sowie während des gesamten Eingriffs die Funktion des zu überprüfenden Nervs einzuschätzen. Nur so gelingt es, auch sehr komplexe Tumoren sicher zu entfernen und für Patientinnen und Patienten eine gute Lebensqualität zu gewährleisten, betont Prof. Dr. Zweckberger, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik.
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