Auswirkungen der Krankenhausreform
Privatdozentin Dr. Andrea Schmedding ist Leitende Abteilungsärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie am Klinikum Braunschweig. In puls spricht sie über Auswirkungen der Krankenhausreform auf ihr Fachgebiet.
Text: Prem Lata Gupta
Foto: Nick Neufeld

Zur Person
PD Dr. Andrea Schmedding arbeitet seit Mai 2023 als Leitende Abteilungsärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie am Klinikum Braunschweig. Sie studierte an den Universitäten Münster und Heidelberg. 1995 promovierte sie. Ihre beruflichen Stationen waren unter anderem die Medizinische Hochschule Hannover, das Universitätsklinikum Mannheim und das Universitätsklinikum Frankfurt. Die Fachärztin ist berufspolitisch aktiv, sie war über 20 Jahre Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Sie engagiert sich seit mehr als 25 Jahren in der Versorgungsforschung der Kinderchirurgie und hat in diesem Bereich 2023 habilitiert.
Welche Bedeutung hat die Kinderchirurgie und Kinderurologie des Klinikums Braunschweig für die Region?
Wir sind die einzige Kinderchirurgie und Kinderurologie für ein Einzugsgebiet mit 1,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Es gibt keine zweite Klinik und keine Praxis zwischen Hannover und Magdeburg und zwischen Lüneburg und dem Harz. Das hat zur Folge, dass zu unserer Abteilung neben der Station drei gut besuchte Ermächtigungssprechstunden gehören.
Die Krankenhausreform hat eine renommierte Klinik in Berlin dazu gebracht, ihre Kinderurologie zu schließen – weil die strukturellen Anforderungen zu hoch seien. Was sagen Sie dazu?
Es ist ein Alarmsignal. Die Krankenhausreform sieht vor, dass Kliniken sogenannte Leistungsgruppen anmelden müssen. Nur wer eine bestimmte Erkrankung qualifiziert behandeln kann und außerdem eine vorgegebene Personalstärke nachweist, darf die Leistung in Zukunft noch durchführen. Die Personalstärke war vermutlich das Problem in Berlin, trotz exzellenter Spezialisierung.
Läuft also etwas schief bei der Umsetzung der Krankenhausreform?
Das Konzept der Leistungsgruppen funktioniert für die Kinderchirurgie nicht richtig. Obwohl wir die Spezialistinnen und Spezialisten für das chirurgisch erkrankte Kind sind, dürfen die meisten erkrankten Kinder auch von Erwachsenenmedizinerinnen und -medizinern ohne Kindererfahrung behandelt und abgerechnet werden, nur weil das Kind in der entsprechenden Abteilung liegt. Es fehlen Regelungen für eine kindgerechte Behandlung als Voraussetzung für die Erlaubnis zur Abrechnung.
Ist das aus Ihrer Sicht kritikwürdig?
Es führt dazu, dass junge Patientinnen und Patienten von Chirurginnen und Chirurgen operiert werden, die sonst Erwachsene behandeln. Ein Kind, das aufgrund einer Nierenfehlbildung in einem Krankenhaus ohne Kindermedizin aufgenommen wird, darf dort behandelt werden, auch wenn man dort keine kindgerechten OP-Instrumente vorhält und keine Fachkräfte für Kinderkrankenpflege hat. Wenn das Kind in der Erwachsenenabteilung liegt, gilt dort der Pflegeschlüssel für die Erwachsenen, es steht also weniger Pflegepersonal zur Verfügung. Das alles ist qualitativ ein großer Nachteil.
Wie ist die Lage am Klinikum Braunschweig?
Bei uns werden viele Kinder von der Kinderchirurgie operiert und vollständig versorgt. Im Fall einer besonderen operativen Spezialisierung etwa von Unfall- oder Neurochirurgie werden die Kinder nach der Operation von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin versorgt. Früh- und Neugeborene liegen in der Neonatologie.
Sie plädieren also für Expertentum?
Kinder müssen von denjenigen behandelt werden, die sich auf diese Altersgruppe spezialisiert haben. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Fachgebiet die Chirurgin oder der Chirurg ursprünglich kommt. Für bestimmte seltene Eingriffe wie angeborene Fehlbildungen braucht es eine zusätzliche Spezialisierung. Die stationäre Versorgung muss durch Fachleute der Kinderchirurgie oder der Pädiatrie gewährleistet werden, so wie wir es am Klinikum Braunschweig in der Kinderklinik vorhalten. Es darf keine Gelegenheitsbehandlung von Kindern in der Erwachsenenmedizin geben.
Wie lautet Ihre Forderung?
Es geht um Qualität und Patientensicherheit: Kinder müssen dort behandelt werden, wo es für sie angemessene Strukturen gibt. Im Bundes-Klinik-Atlas müssen Eltern klar erkennen können, wer wie viel Kindermedizin macht. Es braucht eine Altersdifferenzierung.
Inwiefern unterscheiden sich Kinder in der Klinik außerdem von Erwachsenen?
Sie haben einen anderen Körper, vieles ist kleiner, entsprechend benötigt man bei Operationen viel feinere Instrumente. Kinder kühlen wesentlich schneller aus als Erwachsene und brauchen daher spezielle Wärmedecken bei der OP. Auch muss man mit ihnen viel mehr sprechen und ihnen alles mit einfachen Worten erklären. Bei einem Kind kann eine Tropfanlage auch mal eine halbe Stunde und länger dauern. Das kostet Zeit und damit Geld. Medizin für erwachsene Menschen bringt mehr ein.
Eine Ersparnis im Gesundheitswesen soll auch durch sogenannte Hybrid-Fallpauschalen erzielt werden. Was bedeutet das genau?
Es wurden Diagnosen festgelegt wie anfangs der Leistenbruch, die aus Sicht des Gesetzgebers ambulant behandelt werden sollen. Deshalb gibt es für die Fälle gleich viel Geld, egal ob der Mensch eine Nacht stationär liegt oder ambulant behandelt wird. Wenn es aus medizinischen Gründen notwendig ist, dass ein Kind eine Nacht stationär bleibt, gibt es für die Pflege oder die Elternaufnahme keine Vergütung.
Aber das geht doch an der Realität vorbei …
In der Erwachsenenmedizin gibt es ein großes Ambulantisierungspotenzial. In der Kindermedizin sind wir bestrebt, Kinder so kurz wie möglich im Krankenhaus zu lassen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bundesweit bei 2,7 Tagen in der Kinderchirurgie. Wenn dann die notwendigen Übernachtungen für ein oder zwei Nächte nicht bezahlt werden, ist das für viele Abteilungen ein enormer zusätzlicher finanzieller Verlust.
PD Dr. Andrea Schmedding
Leitende Abteilungsärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie
Informative Links
- https://klinikum-braunschweig.de/uploads/client/pms/files/qualitaetsbericht-2023-standort-salzdahlumer-strasse.pdf
- https://www.ms.niedersachsen.de/Krankenhausreform/informationen-zur-krankenhausreform-in-niedersachsen-222262.html
- https://www.bdc.de/deutsche-gesellschaft-fuer-kinder-und-jugendchirurgie-plaediert-fuer-die-einfuehrung-der-beiden-paediatrischen-leistungsgruppen/
- https://www.dgkjch.de/neuigkeiten/pressestelle
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