Frühchen Hand

Retinopathie bei Frühgeborenen

Netzhaut neu im Blick

Genauer und schonender: Eine innovative Retina-Kamera ermöglicht eine deutlich bessere Versorgungsqualität von extrem früh Geborenen am Klinikum Braunschweig.

Autorin: Susanna Bauch

Dank der modernen Retina-Kamera lässt sich der Zustand der Netzhaut schnell und unkompliziert untersuchen und dokumentieren.

Alle Babys, die vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) auf die Welt kommen, werden als Frühgeborene bezeichnet. In dieser Gruppe bedürfen vor allem die sehr unreifen, also vor der 32. SSW oder mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm geborenen Kinder besonderer Unterstützung und Kontrollen bei ihrer Entwicklung – das betrifft auch die Augen. Dank der Inbetriebnahme einer sogenannten Retina-Kamera (lat. retina = Netzhaut) ist es jetzt am Klinikum gelungen, die Diagnostik bei extrem früh Geborenen entscheidend zu erleichtern.

„Bei besonders unreifen Frühgeborenen kann es zu einer schweren Erkrankung der Netzhaut des Auges kommen, der sogenannten Frühgeborenen-Retinopathie“, erläutert Dr. Erik Chankiewitz, Chefarzt der Klinik für Augenheilkunde am Klinikum Braunschweig. Die Netzhaut und deren Blutversorgung seien bei Frühgeborenen oft noch nicht vollständig ausgereift. Durch den plötzlichen Sauerstoffreiz nach einer Geburt können Entwicklungsstörungen ausgelöst werden.

Dr. Chankiewitz

Dr. Erik Chankiewitz, Chefarzt der Klinik für Augenheilkunde. schätzt das neue, hochgenaue Untersuchungsinstrument.

Zu starke Gefäßneubildung durch Sauerstoffzufuhr

Bei einer normalen Entwicklung wachsen die Blutgefäße der Netzhaut etwa ab der 16. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt in die Netzhaut ein. „Durch die niedrige Sauerstoffkonzentration in der Gebärmutter geschieht dies langsam, gleichmäßig und regelgerecht“, betont Dr. Jost Wigand Richter, Leiter der Abteilung für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin. Bei einer vorzeitigen Entbindung werde durch das plötzlich vermehrte Sauerstoffangebot das Wachstum der Blutgefäße zunächst gestoppt, um anschließend zu überschießender Gefäßneubildung zu neigen. „Begünstigt wird dieser Prozess neben der Unreife durch eine zusätzliche Unterstützung der Atmung, die bei Frühgeborenen oft erforderlich ist“, so Dr. Richter. Durch diese Stimulation, die krankhafte Gefäßneubildungen verstärkt, drohen sowohl Einblutungen in die Netzhaut und den Augenhintergrund als auch Netzhautablösungen, da die Gefäße und Narbengewebe aus der Netzhaut wachsen und sie von ihrem Untergrund abheben. Die Folge: Seheinschränkungen infolge der Narbenbildungen, Kurzsichtigkeit, Ausfälle im Gesichtsfeld oder im schlimmsten Fall sogar Erblindung. Daher wird bei den gefährdeten Kindern ab der sechsten Lebenswoche eine regelmäßige Untersuchung des Augenhintergrundes durch die Fachleute der Augenklinik vorgenommen – bis zu zehn Frühgeborene sind wöchentlich betroffen. „Diese Untersuchung ist für die Kinder belastend, zudem war die Dokumentation bisher nur als nachträglich angefertigte Skizze möglich“, sagt Dr. Chankiewitz.

0

bis

0

Retina-Untersuchungen bei extrem früh Geborenen stehen wöchentlich an.

Kamera verkürzt Untersuchungszeit bei Frühgeborenen-Retinopathie

Mit der im November am Klinikum in Betrieb genommenen Retina-Kamera ist jetzt in einem standardisierten, weitestgehend untersucherunabhängigen Prozess die fotografische Erfassung der Netzhaut und damit eine zweifelsfreie Dokumentation des Befundes möglich. „Dies ermöglicht zudem eine deutlich bessere Verlaufsbeurteilung und insbesondere bei schwierigen Befunden auch die unkomplizierte interdisziplinäre Mitbeurteilung“, so Dr. Richter.

Nicht zuletzt ist dieses verbesserte Untersuchungsverfahren für die Kinder deutlich schonender, da die Kamera das komplette Auge rasch erfasst – allein der zeitliche Einsatz an den kleinen Patientinnen und Patienten hat sich von rund 15 auf unter fünf Minuten verkürzt. „Beurteilung und Kommunikation sind wesentlich erleichtert. Wir haben da etwas Besonderes in der Hand“, betont Dr. Chankiewitz. Zudem sei die Kamera „für ein Haus wie unseres ein Aushängeschild". Außer am Klinikum Braunschweig ist sie bundesweit nur an wenigen weiteren Standorten im Einsatz. Die wichtigste Nachricht für besorgte Eltern: Dank der optimierten Früherkennung lassen sich Schäden durch gezielte Behandlungsmöglichkeiten wie Laserung der Netzhaut oder Injektionen von Antikörpern in das Auge gegen die krankhaft erhöhten Wachstumsfaktoren oft abwenden.

Unabhängig davon bietet die Kamera einen weiteren Vorteil: Mit ihr können in besonderen Fällen einer Kindesmisshandlung verräterische Augenverletzungen forensisch eindeutig gesichert werden, betont Kinderarzt Dr. Richter.

Dr. Richter

Dr. Jost Wigand Richter

Leiter der Abteilung für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin

Nützliche Links

Sie wünschen sich mehr Infos über das Thema Frühgeborene und über die Pädiatrie und Neonatologie am skbs? Wir haben interessante Links für Sie:

Mehr aus dieser Ausgabe

Das könnte Sie auch interessieren