Puls – Das Magazin für Gesundheitsinteressierte | Ausgabe 05/2021

Wenn Kinder Hilfe brauchen:
Kinderschutzgruppe im Klinikum Braunschweig

Körperliche oder seelische Auffälligkeiten? Die Kinderschutzgruppe des Klinikums Braunschweig handelt bei Verdachtsfällen auf Kindesmisshandlung und bietet betroffenen Familien die nötige Unterstützung.

Autorin: Sabrina Mandel

Kindesmisshandlung hinterlässt nicht zwangsläufig sichtbare Spuren. Und nicht immer geht es um körperliche Gewalt. „Vernachlässigung ist wohl das, womit wir es am meisten zu tun haben“, sagt Leonie Schramm, Assistenzärztin in der Pädiatrie des Klinikums Braunschweig. Sie hat gemeinsam mit Dr. Frauke Blaum, Oberärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie, die Kinderschutzgruppe gegründet. Diese ist dem Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum zugeordnet und soll durch die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin langfristig zertifiziert werden.

3758 FÄLLE

von Kindesmisshandlung wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2020 deutschlandweit zur Anzeige gebracht. Schätzungen zufolge liegt die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher.

Wenn Kinder Hilfe brauchen:
Kinderschutzgruppe im Klinikum

Das Konzept der Kinderschutzgruppen besteht darin, alle Berufsgruppen, die im Klinikum Braunschweig mit Kindern und Jugendlichen in Berührung kommen, für Anzeichen der Kindesmisshandlung zu sensibilisieren und ein standardisiertes Vorgehen zu schaffen, wie im Verdachtsfall vorzugehen ist. „Das ist ein sehr komplexes Thema, was viel Unsicherheit mit sich bringt. Wenn wir als Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen diese Unsicherheit nehmen können, steigen die Meldezahlen“, so die Assistenzärztin.

„Kommt ein Kind in die Notaufnahme, ist die ganze Familie in heller Aufregung. Das erste Ziel lautet dann, Ruhe reinzubringen und eine stationäre Aufnahme einzuleiten. Dadurch gewinnen wir Zeit, und diese jungen Patientinnen und Patienten sind in einem geschützten Umfeld“, berichtet Leonie Schramm. Auf Station folgt die eigentliche Diagnostik. Dr. Frauke Blaum: „Es gibt keine Verletzungen, die uns die absolute Sicherheit der Kindesmisshandlung geben, wohl aber untypische oder solche, wo die Geschichten absolut nicht zu dem passen, was wir sehen.“

Kindesmissbrauch:
Sensibel auf Anzeichen reagieren

In letzteren Fällen hat das Klinikum Braunschweig die Möglichkeit, Kontakt mit der Kinderschutzambulanz der Rechtsmedizin Hannover aufzunehmen. Dort prüfen Expertinnen und Experten, ob das Verletzungsmuster zu den Angaben des Unfallhergangs passt, und geben ihre Beurteilung ab. Noch häufiger keimt der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung allerdings auf Station auf. Dann gilt es, alle körperlichen Auffälligkeiten interdisziplinär abzuklären und offen und wertschätzend mit den Eltern zu sprechen. „Wenn wir den Eindruck gewinnen, dass ein Kind psychisch belastet ist und Hilfebedarf in der Familie besteht, kontaktieren wir Birgit Bonitz-Pelster“, sagt Leonie Schramm.

Die diplomierte Psychologin gehört ebenfalls zur Kinderschutzgruppe. Sie berichtet: „Ich biete Eltern und Kindern ein Gespräch an. Eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen und über Nöte oder Überforderungen zu sprechen ist besonders wichtig.
Seelische Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung sind weniger offensichtlich als die Folgen von Misshandlung. Es geht mir darum, Kindern genau zuzuhören, ihre Situation zu verstehen und entsprechende Unterstützung anzubieten.“

Prof. Dr. Hans Georg Koch
Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Unterstützung und Hilfe

Bestätigt sich der Verdacht, besprechen die Mitglieder des Teams, zu dem sowohl Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte als auch Erzieherinnen, Erzieher und Sozialarbeitende zählen, das weitere Vorgehen. Die Frühen Hilfen unterstützen beispielsweise Familien mit kleinen Kindern nach dem stationären Aufenthalt, und manchmal begleitet das Jugendamt die Familie. Birgit Bonitz-Pelster erklärt: „Ich informiere die Eltern darüber, was es bedeutet, Unterstützung anzunehmen, und welche Angebote es gibt. Dauert die Klärung länger, sind die Kinder stationär bei uns in Sicherheit. Wir sorgen dafür, dass sie in ein geschütztes Umfeld entlassen werden und Hilfe erhalten.“

Die Kinderschutzgruppe des Klinikums Braunschweig trifft sich monatlich. Seit ihrer Gründung kamen zu diesen Treffen Mitarbeitende des Jugendamtes, der Polizei und der Kinderschutzambulanz hinzu, um aufzuklären und Hilfsangebote zu erläutern. „Das Ziel unserer Gruppe ist der Kinderschutz“, sagt Leonie Schramm. „Dabei müssen wir auch das Bewusstsein unserer Mitarbeitenden schärfen und dazu motivieren, im manchmal hektischen Klinikalltag ein Bauchgefühl auszusprechen.“

Dr. Frauke Blaum
Oberärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie

Wichtige Begriffe und Angebote

Kindeswohlgefährdung:
In Deutschland liegt eine Kindeswohlgefährdung aus rechtlicher Sicht dann vor, wenn das körperliche oder seelische Wohl eines Kindes beeinträchtigt wird. Die Gefährdung kann sowohl durch bewusste als auch durch unbewusste Handlungen entstehen. Zu den Formen der Kindesmisshandlung zählen die seelische, körperliche und sexualisierte/sexuelle Gewalt an Kindern ebenso wie die Vernachlässigung.

Kinderschutzgruppe:
Eine seit 2016 gültige Leitlinie gibt Empfehlungen zum Konzept von Kinderschutzgruppen. Ziele sind unter anderem die Sensibilisierung der Mitarbeitenden im medizinischen Umfeld, standardisierte Vorgehen bei Verdachtsfällen sowie im Umgang mit den Eltern und die multiprofessionelle Zusammenarbeit mit regionalen Kinderschutzdiensten und Arbeitskreisen.

Frühe Hilfen:
Die Frühen Hilfen bieten Unterstützung und Beratung in allen Bereichen, die das Zusammenleben mit Säuglingen und kleinen Kindern betreffen. Ausgebildetes Fachpersonal aus der Kinder- und Jugendhilfe, dem Gesundheitswesen und der Frühförderung unterstützen bei Bedarf präventiv schon während der Schwangerschaft. Das niederschwellige Angebot richtet sich an Familien mit Kindern bis zu deren dritten Lebensjahr.

2021-12-07T14:34:31+01:00
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