Puls – Das Magazin für Gesundheitsinteressierte | Ausgabe 01/2022

Endometriose:
Zellen auf Abwegen

Die Endometriose ist eine Krankheit mit sehr unterschiedlichen Beschwerdebildern. Im Klinikum Braunschweig werden betroffene Frauen interdisziplinär beraten und therapiert.

Autorin: Sabrina Mandel

Viele Frauen mit Endometriose haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich, bevor sie zu uns in die gynäkologische Ambulanz kommen“, so Dr. Reiner Hofmann, Leitender Oberarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Chefarzt PD Dr. Heiko Franz ergänzt: „Die Patientinnen werden von den gynäkologischen Praxen überwiesen, wenn unklare Schmerzen im Unterbauch existieren, die wiederkehrend auftreten und sehr heftig sind. Auch Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch werden bei uns vorstellig. Im Rahmen der Abklärungsdiagnostik zeichnet dann nicht selten eine Endometriose für die Beschwerden verantwortlich.“

Der medizinische Begriff setzt sich aus den drei altgriechischen Wörtern „endon“ für „innen“, „metra“ für „Gebärmutter“ und „osis“ für „Krankheit“ zusammen: Bei einer Endometriose siedeln sich wuchernde Schleimhautzellen an der Gebärmutter an, aber auch außerhalb in der Muskulatur der Scheide, im Bauchraum, auf der Blase, an den Eileitern oder auf den Eierstöcken. Bei der tief infiltrierenden Endometriose dringen versprengte Zellen in tiefer liegende Organschichten des Zwerchfells, der Lunge, des Darms oder der Harnblase ein.

Quälende Schmerzen, Unfruchtbarkeit

„Warum und wie es zu diesem unkontrollierten Zellwachstum kommt, ist bis heute unklar“, so Chefarzt PD Dr. Heiko Franz. „Unter anderem wird vermutet, dass bei der Menstruation abgestoßene Zellen aus dem Gebärmutterkörper über die Eileiter in den Bauchraum und auf das Bauchfell gelangen und dort einwachsen – bewiesen ist diese These nicht.“

Ebenso unklar ist die Ausprägung der Endometriose in Verbindung mit ihrem Beschwerdebild. „Es gibt Frauen ohne jedwede Symptome, bei denen große Endometriose-Herde per Zufallsbefund entdeckt werden. Andere leiden seit Jahren unter starken Beschwerden – nur durch eine einzelne kleine Zelleinlagerung verursacht“, erklärt Dr. Reiner Hofmann. Heftige Menstruationsbeschwerden, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Darmkrämpfe und Blutauflagerungen auf dem Stuhl können ebenso auf eine Endometriose hindeuten wie eine Sterilität, wenn Frauen trotz Kinderwunsch nicht schwanger werden.

circa 2 Millionen

Frauen sind in Deutschland von
Endometriose betroffen

Quelle: Endometriose-Vereinigung Deutschland e. V.

Individuelles Behandlungskonzept

Komplexe Befunde werden in einer interdisziplinären Fallkonferenz besprochen, um den Patientinnen ein individuelles Behandlungskonzept anzubieten. Dr. Stefan Benjamin Reubke, Leitender Oberarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie: „Wenn die Entscheidung im Raum steht, beispielsweise Teile des Darms zu entfernen, werden wir Viszeralchirurgen hinzugezogen. Planung und Koordinierung erfolgen ebenso wie die nachfolgende Operation gemeinsam als Team.“ „Die tief infiltrierenden Prozesse erfordern höchste fachärztliche Fertigkeiten. Denn anspruchsvolle Operationen setzen Erfahrung voraus. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Gynäkologie und der Chirurgie macht die Qualität unseres Endometriose-Zentrums aus“, so Chefarzt PD Dr. Heiko Franz.

Bauchspiegelung gibt Aufschluss

Neben der gynäkologischen Begutachtung und Tastuntersuchung der Scheidenwände sowie einer Ultraschalluntersuchung zum Ausschluss anderer Ursachen wird eine Bauchspiegelung als Standardverfahren bei Verdacht auf eine Endometriose durchgeführt. Bei dieser diagnostischen Laparoskopie begutachtet man den inneren Bauchraum mit einer kleinen Kamera, die über den Bauchnabel eingeführt wird. Chefarzt PD Dr. Heiko Franz: „Bei diesem intraoperativen Eingriff können oberflächliche Endometriose-Herde mit Strom verödet werden.“ Zur Basistherapie gehören auch hormonelle Medikamente, um die Aktivität der versprengten Zellen zu hemmen und Schmerzen zu lindern.

Chirurg Dr.Stefan Benjamin Reubke ( von links) sowie aus der Frauenklinik Dr. Reiner Hofmann und Chefarzt PD Dr.Heiko Franz sind erfahren in der Behandlung von Patientinnen mit Endometriose.

Interdisziplinäres Behandlungskonzept

Die gynäkologische Ambulanz der Frauenklinik bietet eine Endometriose-Sprechstunde an. Hier werden die Patientinnen zunächst umfangreich befragt und gynäkologisch untersucht. Wichtig für die Anamnese ist die aktuelle Beschwerdesymptomatik, also Art, Dauer und Zeitpunkt der Symptome, die Krankheitsvorgeschichte mit eventuell vorhergegangenen Untersuchungen und Behandlungsversuchen.

2022-03-17T14:12:21+01:00
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