Puls – Das Magazin für Gesundheitsinteressierte | Ausgabe 06/2021

Aus dem Takt: Vorhofflimmern
diagnostizieren und stoppen

Wenn elektrische Störenfriede das Kommando am Herzen übernehmen, gibt es Gegenmittel: Medikamente und gezielte Verödungen, die auch am Zentrum für Vorhofflimmern am Klinikum Braunschweig eingesetzt werden.

Autorin: Susanna Bauch

In Deutschland leiden rund 1,8 Millionen Menschen an Vorhofflimmern, und jährlich erleiden rund 40 000 bis 50 000 von ihnen einen Schlaganfall. Prof. Dr. Matthias Antz, Leiter der Elektrophysiologie und Rhythmologie am Klinikum Braunschweig, erläutert Diagnostik und Therapieansätze. Er führt das Zentrum für Vorhofflimmern, das – nach einer Pilotphase – als erstes deutschlandweit im September 2021 zertifiziert wurde.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Antz (57) stammt aus Hamburg und hat dort Medizin studiert, ergänzt durch Ausbildungen in den USA und London. Er hat zunächst in der Kardiologie am Universitätskrankenhaus Eppendorf gearbeitet, dann in der Elektrophysiologie im Krankenhaus St. Georg in Hamburg. Ab 2007 baute er die Elektrophysiologie in Oldenburg auf, bevor er 2017 ans Klinikum Braunschweig gekommen ist. Sein Fokus liegt auf der Rhythmologie. Seit 2019 steht Prof. Dr. Antz und seinem Team ein eigenes Katheterlabor zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen zur Verfügung. Ein zweites wird 2022 gebaut und geht 2023 in Betrieb. Prof. Dr. Antz ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Herr Prof. Dr. Antz, was versteht man unter Vorhofflimmern?

Vorhofflimmern entsteht, wenn nicht mehr nur die elektrischen Impulse vom Sinusknoten den Vorhof des Herzens erregen, sondern andere Rhythmusgeber hinzukommen. Diese kleinen elektrischen Störenfriede übernehmen das Kommando. Sie liegen häufig in den Lungenvenen und sorgen für ein elektrisches Chaos.

Wie macht sich Vorhofflimmern bemerkbar?

Die Symptome bei Vorhofflimmern sind vielfältig. Typische Symptome sind Herzstolpern oder Herzrasen, Schwindel, Kurzatmigkeit, Schwitzen, Schwäche und eine verminderte Belastbarkeit. Einige Betroffene verspüren ihren Herzschlag sehr stark mit einem unregelmäßigen Puls. Ein normaler Herzschlag liegt zwischen 60 und 100 Schlägen pro Minute, beim Vorhofflimmern gerät das Herz aus dem Takt und der Puls ist meist schneller als 100 Schläge pro Minute. Einige Patientinnen und Patienten bemerken allerdings keine Symptome oder können die Signale ihres Körpers nicht richtig einordnen.

Wer hat ein besonderes Risiko für Vorhofflimmern?

Zu den Risikofaktoren zählen fortgeschrittenes Alter, Übergewicht, langjähriger Bluthochdruck, Herzschwäche und weitere Herzerkrankungen wie die koronare Herzkrankheit. Auch Diabetes mellitus oder eine Schilddrüsenerkrankung können Vorhofflimmern begünstigen. Zwei Prozent der Bevölkerung und etwa sieben Prozent der über 65-Jährigen haben Vorhofflimmern, Männer übrigens häufiger als Frauen. Ab einem Alter von 80 Jahren leidet jeder Zehnte unter dieser Diagnose, aber es kann durchaus auch junge Menschen treffen.

Ist Vorhofflimmern denn eine lebensbedrohliche Erkrankung?

Es ist nicht unmittelbar lebensbedrohlich, aber es kann die Lebensqualität einschränken, eine Herzschwäche verursachen und die Gefahr von Schlaganfällen erhöhen. Für manche Betroffene ist der Schlaganfall das erste Symptom.

Wie kann man Vorhofflimmern diagnostizieren?

Eine regelmäßige Pulskontrolle ist sehr wichtig, bei weiteren Anzeichen wird ein EKG geschrieben. Das kann man mittlerweile sogar über Smartwatches initiieren, etwa wenn man sich unwohl fühlt. Grundsätzlich sollte das Vorhofflimmern aber möglichst in einem 12-Kanal-EKG dokumentiert werden.

Haben Sie einen Ratschlag an Laien: Wie kann man einem Vorhofflimmern vorbeugen?

Durch eine gesunde Lebensweise, auch durch die Vermeidung von Übergewicht, gute Einstellung eines Bluthochdrucks oder Diabetes mellitus sowie die Behandlung einer Schlafapnoe. Ab einem Alter von 65 Jahren und vor allem wenn Bluthochdruck und Diabetes vorliegen, sollte engmaschig alle paar Monate auf Vorhofflimmern untersucht werden.

Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten aus?

Es muss individuell entschieden werden, ob Medikamente zur Beeinflussung der Blutgerinnung, der Herzfrequenz oder des Herzrhythmus erforderlich sind. Häufig ist eine Verödung am Herzen (Katheterablation) notwendig, um das Vorhofflimmern zu behandeln. Bei 60 bis 70 Prozent der Patientinnen und Patienten reicht eine Verödung, 30 bis 40 Prozent müssen mit einem weiteren Eingriff rechnen.

Inwieweit profitieren Erkrankte von der Zertifizierung des Zentrums für Vorhofflimmern des Klinikums?

Eine Zertifizierung ist auch eine vertrauensbildende Maßnahme. Sie bedeutet: Hier wird Vorhofflimmern nach den Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie behandelt, und dies soll einen hohen Erfolg mit geringen Komplikationsraten für unsere Patientinnen und Patienten gewährleisten.

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Hohe Qualität: Am zertifizierten Vorhofflimmer-Zentrum des Klinikums Braunschweig werden Patientinnen und Patienten mit dieser Art von Herzrhythmusstörung von einem erfahrenen Team nach modernsten Standards behandelt.

2021-12-16T09:06:48+01:00
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