Neurochirurgie: Wach-Operation am Gehirn

Eine Operation am Gehirn bei vollem Bewusstsein – das können sich die meisten Menschen kaum vorstellen. Doch genau solch ein besonderer Eingriff hat nun erstmals am Klinikum Braunschweig stattgefunden.

Autorin: Prem Lata Gupta

Operation geglückt: Prof. Dr. Klaus Zweckberger mit seinem Patienten Dennis Gabriel und dessen Freundin Jacqueline Jüngling.

ennis Gabriel nimmt kein Blatt vor den Mund. Knackig fasst er die Vorgeschichte seiner Wach-OP zusammen. „Ich bin voll auf den Kopf geknallt.“ Passiert ist der Unfall bei seinem früheren Hobby: Extremläufe bedeuten, dass sich die Teilnehmenden durch unwegsames Gelände, Schlamm, Wasserlöcher und über Hindernisse mühen. „Irgendwie gestaucht“ fühlte er sich direkt nach diesem Unfall: Die Röntgenuntersuchung und ein MRT im nächstgelegenen Krankenhaus ergaben dann nicht nur einen Bruch des fünften Halswirbels, sondern auch den Verdacht auf einen Hirntumor. „Letzteres war ein Zufallsbefund“, sagt der 38-jährige Maschinenführer. Zunächst wurde der gebrochene Halswirbel gegen einen Wirbelkörperersatz getauscht. Nach Erholung des Patienten widmete sich das Team um Prof. Dr. Klaus Zweckberger, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie, der operativen Behandlung des Tumors. Ziel war es, diesen möglichst vollständig, aber ohne Auftreten von neurologischen Defiziten zu entfernen. Da der Tumor allerdings nahe am Sprachzentrum lag und in der Nähe der Areale, die für die Motorik verantwortlich sind, schlug Prof. Dr. Zweckberger seinem Patienten eine Wach-OP vor.

Hirntumor-Patient war vor der Operation „nicht nervös“

Bei solch einem Eingriff ist der Patient oder die Patientin in der ersten Phase der Operation narkotisiert und wird nach Eröffnung des Schädels langsam wach gemacht. In der entscheidenden zweiten Phase ist er oder sie vollkommen bei Bewusstsein, man kann mit ihm oder ihr sprechen, sie oder ihn auch Bewegungen ausführen lassen. Nach ausführlicher Testung und nachdem das Operationsgebiet exakt erfasst ist, erfolgt dann die Entfernung aller Tumorareale, die sicher ohne Funktionsausfall weggenommen werden können.

Grundlage dafür ist, dass das Gehirn selbst über kein Schmerzempfinden verfügt. „Diese Methode ist optimal für Patientinnen und Patienten mit niedriggradigen hirneigenen Tumoren, bei denen möglichst viel tumorinfiltriertes Gewebe entfernt werden soll, ohne sprachliche und motorische Areale zu schädigen“, erläutert Prof. Dr. Klaus Zweckberger. Dennis Gabriel sah die Vorteile dieser Technik ganz nüchtern. „Ich war nicht nervös, eher gespannt.“ Was ihn beruhigte, war die Erfahrung des Operateurs. Am Klinikum Braunschweig sollte die Wach-OP zwar eine Premiere sein. Doch an der Universitätsklinik Heidelberg, an der Prof. Dr. Klaus Zweckberger mehrere Jahre als stellvertretender Ärztlicher Direktor der Neurochirurgischen Klinik tätig war, bevor er nach Braunschweig wechselte, hatte er bereits regelmäßig diese Art Eingriff vorgenommen. Dennis Gabriel stimmte also der Wach-OP zu und absolvierte auch die Vorbereitungen, um sich auf die sprachlichen und motorischen Tests während der OP einzustimmen.

Während der Operation am Gehirn: Rückwärtszählen als Aufgabe

„Der Zeitraum, in dem ein Patient bei Bewusstsein ist, dauert in der Regel ein bis zwei Stunden, die ganze Operation erfordert fünf Stunden“, so Prof. Dr. Zweckberger. In der Wachphase plauderte Dennis Gabriel dann nicht nur über seine Freizeitaktivitäten, er musste vor allem komplexe Sprachmuster wiedergeben oder Antworten formulieren. Auch Rückwärtszählen in 7er-Schritten ab 100 kann eine Aufgabe sein oder es kommt die Aufforderung, Arme, Hände und Beine zu bewegen. Die Fragen während des komplizierten Eingriffs stellt übrigens nicht der Operateur, sondern ein anderes Mitglied des Teams. Zeitgleich wird mit einer elektrischen Stimulationsgabel das Hirngewebe abgetastet: So lässt sich überprüfen, wo bestimmte Funktionen – wie etwa das Sprechen – lokalisiert sind. Diese Bereiche werden bei der Tumorentfernung geschont.

Dennis Gabriel hatte Glück: Obwohl sein Tumor sehr nah am Sprachzentrum lag, konnte dieser komplett entfernt werden. Von Vorteil für die Operation war auch, dass er als Persönlichkeit psychisch stabil ist. Jetzt fühlt er sich über den Berg. Vor allem ist er froh, wieder in seinem privaten und beruflichen Alltag zurück zu sein. „Darauf habe ich gewartet.“

Bei einer Wach-OP bemüht sich das gesamte Team um eine ruhige Atmosphäre: Stimmengewirr oder zu viel Geräuschkulisse würden den Patienten beziehungsweise die Patientin irritieren.

5

Stunden dauerte die Operation, ein bis zwei davon war der Patient bei Bewusstsein.

2023-03-23T10:03:34+01:00
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